Manchmal frage ich mich, warum es anderen nicht auch so geht und dann treffe ich immer neue Menschen denen es auch so geht. Denn ich kann mein Leben anhand von Anschlägen erzählen. Nicht unbedingt nur wenn sie gerade passiert sind, aber wie sie meine Weltsicht und meine Politisierung beeinflusst haben.
Zu merken, wie schnell diese in Vergessenheit geraten und nur noch zu „runden“ Jahrestagen die Schlagzeilen wieder ausgepackt werden. Die Realität meines neuen Lebens und der tiefen Wunden finden keinen Platz. Sie haben nie Platz in diesem Land, in dem das Erinnern eine zentrale Rolle der Selbstdarstellung spielt.
Ich erinnere mich noch an die ersten Nachrichten nach dem Anschlag in München. Ein junger Mensch tötet gezielt andere junge Menschen. Die mediale Diskussion dreht sich wieder um Videospiele oder so ähnlich.
Erst Jahre später lese ich die ersten Einordnungen in denen die menschenverachtende Einstellung des Täters deutlich wird. Ich frage mich, wie das so sehr an mir vorbei gehen konnte. Ich lerne mehr zu den Kämpfen der Angehörigen um die Anerkennung des rechten Hintergrunds der Ermordungen.
In den letzten Jahren habe ich häufig über die Erzählungen nach dem Anschlag in München nachgedacht und diskutiert. Über den Kampf die eigene Einordnung des Geschehen sichtbar zu machen. Schnell bin ich bei der Demo „Kein 10. Opfer“ in Kassel und Dortmund in 2006, 5 Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU. Wie können wir unsere Wahrheiten hören und zumindest unseren Realitäten glauben und vielleicht auf diesen Wegen etwas heilen.
Es war immer zufällig, aber nie willkürlich. Die Narben nach jedem Anschlag sieht man, wenn man den nur hinschaut.
Als ich das letzte Mal in München war, habe ich mit Freund*innen über den Anschlag und das Gedenken gesprochen. Alle haben ihre eigenen Geschichten und doch eint sie alle, dass die Wunden unglaublich tief sitzen. Es ist diese betretene Gesprächsdynamik, die ich sonst nur von Trauerfeiern kenne. So viele junge Menschen hätte es treffen können, so viele haben Bekannte und Freund*innen verloren. Wenn wir uns vorher nicht kannten, wurde uns trotzdem symbolisch etwas genommen, um das nun nur noch getrauert werden kann.
Diesen Sommer ist der Anschlag zehn Jahre her. Die jungen Menschen in dieser Stadt, die nach dem Anschlag geboren wurden, sind bald so alt, wie die meisten Ermordeten. Die jungen Menschen, die den Anschlag überlebt haben sind erwachsen und haben vielleicht ihre eigenen Kinder inzwischen. Doch was machen wir, um diese jungen Menschen und alle anderen vor solchen Anschlägen zu schützen?
Wenn der Bundespräsident dort zum Jahrestag eine Rede schwingt, dann hat das einen hohen symbolischen Wert, aber mein Gefühl sicher in diesem Land zu sein, verändert das nicht.
Rechte Netzwerke haben Geld und können sich sehr offen organisieren. Immer mehr faschistische Überzeugung – auch in der Form von gewaltbereiten Faschist*innen und Nazis – ist auf den Straßen unterwegs.
Statt darüber zu diskutieren, werden Sozialkürzungen diesen Sommer bestimmen während Nationalismus zur Männer-Fußballweltmeisterschaft die Straßen dominieren wird.
Auch wenn ich mir sicher bin, dass der nächste Anschlag früher oder später kommen wird, weiß ich doch auch, wen ich anrufen kann und wer neben mir steht und mir glaubt. Ich hoffe wir alle arbeiten daran, diese Leute zu finden und nicht auf den nächsten Anschlag zu warten, sondern ihn zu verhindern.
Der Bundespräsident wird dazu nichts beitragen außer leere Worte voller Entsetzen und Fassungslosigkeit über diesen Einzelfall.
In Erinnerung an Armela, Can, Dijamant, Guiliano, Hüseyin, Roberto, Sabina, Selçuk und Sevda.
Autor:in
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laila
laila ist Aktivistin, Lehrerin und Gründungsmitglied von DRUCK. Sie arbeitet zu migrantischer Selbstorganisierung und Polizei. Bei DRUCK ist sie aktiv im Syndikat, der Redaktion und im Projektmanagement.
