Als ich 16 war, eröffnete ich in einem Internetforum einen Thread. Es ging darum, dass es üblich ist, Leid von anderen kleinzureden – am Besten noch mit dem Satz „Andere haben es schlimmer“. Es wurde viel diskutiert, man war noch nicht so weit wie heute, einige Antworten waren definitiv vom hohen Ross geschrieben, aber durch diesen Thread hatte etwas, was ich ständig erlebte, endlich einen Namen bekommen: Relativierung.
Ich kann mich kaum an eine Situation aus meiner Kindheit, oder meiner Teenagerzeit erinnern, in der jemand von Vorne bis Hinten für mich da war, mir Verständnis gezeigt hat und es unterließ Dinge zu sagen, wie: „Stell dich nicht so an, anderen geht es viel schlechter!“ Oder dann hatte ich diese Gespräche, in denen ich das Gefühl hatte, ich kann mich öffnen und traue ich mich endlich das Thema, was mir wichtig ist, nochmal anzusprechen und die Antwort?
Auf einmal bekomme ich ein Augen-verdrehen und so was wie „Hast du das immer noch nicht durch!?“ entgegen geschleudert – der prätentiöse Seufzer kam dann gerne noch oben drauf.
Die Relativierungen haben sich im Laufe der Jahre verändert, sie wurden unterschwelliger, subtiler – auch die Gefühle, die damit einher gingen, aber das Ergebnis war für mich immer gleich: Was ich empfinde, wie ich mich fühle – es ist falsch, es ist übertrieben, zu weit gedacht, sogar „entitled“.
Und dann gibt es noch eine ganz besondere Variante, die im ersten Moment gar nicht wirklich nach Relativierung aussieht: die Forderung nach Handelung.
Es wirkt erst, wie ein Lösungsvorschlag, aber wenn man diesen aus irgendeinem Grund abwinkt, folgen meist Reaktionen, die sehr wenig mit Akzeptanz zu tun haben. Entweder ist man dann auf einmal eine Person, die Bock darauf hat, dass es einem schlecht geht und nur „jammert“, oder es gibt fast schon einen Aufstand, weil man „mir ja auch nicht mehr helfen kann“. Aus einem normalen Gespräch zwischen Freund:innen entsteht auf einmal eine Hierarchie – das Vertrauen, das vorher scheinbar da war, das ist weg.
Ich bin heute nicht dazu da, um Verständnis für solche Aussagen zu haben, oder versuchen sie nachvollziehen zu können. Ich bin heute hier, um zu erklären, was das eigentlich mit einem Menschen machen kann und welche Motivation ich dahinter vermute, denn eins weiß ich sicher: Ich kann das Bedürfnis jemanden so was vor den Kopf zu hauen, einfach nicht nachvollziehen. Null.
Ich möchte mich einfach nicht wie die Menschen verhalten, die mich zutiefst verletzt haben und mir eigentlich nicht wirklich was Gutes wollten. Ich möchte nicht wie meine konservativen Lehrer:innen klingen, die eigentlich null Ahnung davon hatten, wie man mit jungen Menschen überhaupt umgeht. Das ist mir zuwider. Und vor allem weiß ich, dass Relativierungen eigentlich nur Öl ins Feuer gießen.
Außerdem würde ich mich das bei anderen nicht trauen, also einfach so zu relativieren. Eine super nette Reaktion kann ich da nämlich nicht erwarten.
Also warum braucht ihr das so sehr?
Das ist eine Frage, die ich mir sehr oft stelle.
Warum ist es so wichtig, einem Menschen zu vermitteln, dass das Gesagte nicht wirklich ernst genommen wird? Warum muss man alles zur Belastung stilisieren, was etwas tiefergehender ist? Wieso muss man bei einem Menschen in einer vulnerablen Situation noch eins draufsetzen?
Ich könnte mir das jetzt einfach so erklären:
Die Leute möchten sich auch gerne mal so vernünftig und erhaben fühlen, wie sie ihre Eltern, Lehrer:innen, oder andere Autoritätspersonen wahrnehmen. Sie möchten einfach mal auf dieser Seite stehen – und weil es so gute Rückmeldungen darauf gibt, machen sie einfach damit weiter.
Und ich denke, ein Teil ist damit schon sehr gut erklärt. Die Art und Weise, wie wir mit Kindern umgehen tut ihr Bestes, um das aufrechtzuerhalten. Allerdings gibt es da noch etwas, was mir einfallen würde:
Fehlende Eigenverantwortung.
Ja, ich hole einen meiner Lieblingsbegriffe wieder raus, denn ich frage mich wo das „niemand ist für deine Gefühle verantwortlich“ hin ist? Gilt das jetzt nicht mehr? Ist es jetzt hinfällig, weil es um einen selbst geht?
Negative Gefühle auszuhalten ist ein Ding, das viele Menschen nicht beherrschen – und damit schließe ich alle ein, nicht nur psychisch Kranke. Negative Gefühle bei anderen aushalten scheint aber noch unmöglicher zu sein und meiner Meinung nach ist das der Ursprung für all diese Relativierungserfahrungen, die viele Menschen machen – nicht nur psychisch Kranke wohlgemerkt. Trauer ist da wahrscheinlich das beste Beispiel – die Erfahrungen Trauender sprechen für sich und überschneiden sich mit denen, die psychisch Erkrankte machen.
Aber warum scheint es so schwer zu sein, negative Gefühle auszuhalten?
Ich denke es passiert sehr oft, dass Menschen negative Emotionen sehr schnell auf sich beziehen und sich schlecht abgrenzen können, selbst wenn diese Emotionen nichts mit ihnen zu tun haben und auch nicht gegen sie gerichtet sind. Die Irritation, die dadurch entsteht, wird aber nicht reflektiert, sondern gegen die Person gerichtet, die die negativen Emotionen äußert, oder gar nur so wirkt, als wäre was nicht in Ordnung.
Wie oft wurde mir schon klar gemacht, dass man mich ein bisschen belächelt, weil ich gerne hätte, dass sich alle irgendwie verstehen, aber wenn jemand „die ganze Zeit jammert“ versaut das angeblich die Stimmung, selbst wenn diese:r Jemand nur kurz Dampf über seinen Arbeitstag ablässt. Da ist dann die anfängliche vorgegaukelte Vernunft dann auf einmal weg. Erwachsene Menschen greifen zu Mitteln, die man eigentlich nur aus Mittelstufen kennen sollte, weil es ihnen nicht passt, wie sich eine andere Person fühlt und das auch noch artikuliert. Sie halten es nicht aus, weil sie glauben, jemand sei für ihre eigenen Gefühle verantwortlich und wenn sie wirklich noch eine Kirsche auf die Sahnetorte setzen wollen, dann drehen sie das komplett um: Die Person, die die negativen Gefühle äußert, möchte, dass sich andere darum kümmern. Sie fühlen sich zu etwas aufgefordert, worum sie gar nicht gebeten wurden.
Das ist eine Verantwortungsverlagerung allererster Klasse und sie wird so normalisiert, dass es anscheinend bisher noch nie so sehr aufgefallen ist, dass man sich lautstark darüber empört hätte. Dabei ist es offensichtlich: Hier gilt der gesunde Mensch wieder als Maß, die „Normalität“, der psychisch kranke Mensch ist die „Abweichung“ – und deswegen kann er das auch nicht richtig einordnen und verstehen. Der psychisch kranke Mensch als Störfaktor, mal wieder.
Wer sich denkt, wir wären zumindest kopfmäßig schon sehr weit, was psychische Erkrankungen betrifft, irrt sich gewaltig; denn negative Emotionen aushalten ist der erste Schritt hin zur Aufarbeitung des eigenen Ableismus.
Autor:in
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Joana Hammerer (sie/ihr)
Mein Nam
e ist Joana, ich schreibe schon seit 2018 als fraumisanthropin auf Instagram darüber, wie es ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben. Immer wieder fällt mir auf, dass ich in dieser Gesellschaft auf unsichtbare Barrieren stoße, dass man mir anders begegnet als anderen, egal ob sie von meinem ADHS, oder meiner Traumafolgestörung wissen. Ich möchte in dieser Kolumne Erlebnisse und Beobachtungen teilen, die mir als Betroffene über den Weg laufen, wie gewisse Symptomatiken „von innen“ aussehen, welche Vorurteile immer noch in dieser Gesellschaft herrschen und welche gesellschaftlichen Normen insbesondere für psychisch kranke Menschen (aber nicht nur!) durchaus problematisch sind. Dafür werde ich auch immer wieder persönliche Erfahrungen als Beispiel nutzen. Bitte beachtet, dass ich keine Fachperson bin, aus einer Betroffenenperspektive schreibe und auch hinsichtlich dem Krankheits- oder Neurodivergenzerleben nur über ADHS, sowie kPtBS sprechen kann.
