Als Kommunikationstrainerin für Teams und Führungskräfte und als Gymnasiallehrkraft beobachte ich etwas, das mich fasziniert: Das unterschiedliche Führungsverständnis in Schule und Unternehmen. Eine ganz bestimmte Führungskompetenz gilt in Unternehmen häufig noch als Nice-to-have und wird im Klassenzimmer zur Überlebensstrategie. Ich spreche von Beziehungsfähigkeit.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Team aus 30 völlig unterschiedlichen, hochdynamischen Persönlichkeiten führen. Jede von ihnen verfolgt eine eigene Agenda, lässt ihre wechselnde Motivation unverblümt erkennen, manche haben einen enormen Bewegungsdrang, andere kommen nicht aus dem Quark. Die einzige Gemeinsamkeit Ihres Teams ist eine Aufmerksamkeitsspanne, die selten über drei Minuten hinausgeht. Dass sich alle gegenseitig ausreden lassen, geschweige denn aufmerksam auf ihren Plätzen sitzen, ist eine Utopie. Bei dem Lautstärkepegel wäre in einem normalen Arbeitsumfeld längst die Frage nach dem Arbeitsschutz gestellt.
Wie würden Sie durchgreifen? Hierzu müssen Sie wissen, dass Sie in Ihrer fiktiven Leadership-Funktion über keinerlei wirksame Disziplinargewalt verfügen im Sinne von Versetzungen oder Kündigungsdrohungen. Ihr einziges Kapital wäre also Ihre Persönlichkeit. Ihre einzige Chance wäre Ihre emotionale Intelligenz und Ihre Beziehungsfähigkeit. So sieht es aus in meiner Welt – dem Klassenzimmer.
Wir alle kennen das Klassenzimmer aus eigener Erfahrung – jenen Ort, an dem wir über Jahre hinweg gelernt, gelitten und bereichernde, aber auch toxische Beziehungen erfahren haben. Insofern können wir uns alle in das ausgedachte Szenario hineinversetzen. Nun unterscheidet sich Schule allerdings fundamental von einem Wirtschaftsunternehmen, wo solch ein Szenario nicht existiert. Denn Schule ist ein staatliches Zwangssystem, in dem Schüler:innen Schulpflicht haben, während Arbeitsverhältnisse auf freiwilligen Verträgen, Bezahlung und ökonomischen Zielen basieren. Dennoch lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die beiden Kontexte zu werfen.
Das einzig legale Machtinstrument
Im Klassenzimmer wird Führungskompetenz in Echtzeit auf die Probe gestellt. Zum einen, weil die formalen Sanktionsmöglichkeiten von Lehrkräften nur begrenzt dazu geeignet sind, Verhalten nachhaltig zu verändern. Schüler:innen, die einen Verweis erhalten, passen ihr Verhalten möglicherweise kurzfristig an. Doch reine Sanktionen führen nicht automatisch zu Einsicht oder Verantwortung, im Gegenteil. Sie werden oft als Beschämung erlebt und belasten die Beziehung zusätzlich.
Zum anderen wird Führung im Klassenzimmer auf die Probe gestellt, weil Kinder und Jugendliche eine fehlende Beziehung oder Ablehnung nicht überspielen. Erwachsene hingegen verhalten sich in beruflichen Kontexten eher sozial angepasst – auch dann, wenn die Beziehungsebene nicht trägt. Während sich die Folgen mangelnder Beziehungsfähigkeit in der Wirtschaft oft erst zeitverzögert zeigen – durch sinkende Motivation, innere Kündigung und Vertrauensverlust –, bekommt die Lehrkraft in der Schule die Quittung unmittelbar.
Die Mehrheit der Schüler:innen reagiert ungefiltert auf die innere Haltung einer Lehrkraft. Sie haben feinfühlige Antennen dafür, ob ihnen mit echtem Interesse begegnet wird. Ist dies nicht der Fall, bekommt man es schonungslos zu spüren. Es ist das Daily Business einer Lehrkraft, Schüler:innen durch eine tragfähige Beziehung zum Lernen zu bewegen. Beziehung ist deshalb im Unterricht kein „weicher Faktor“, sondern das einzige legale Instrument wirksamer Führung.
Das ist zugegebenermaßen leicht gesagt und anfällig für Missverständnisse. Beziehung bedeutet nicht, Macht abzuschaffen, sondern sie anders zu verstehen. Autorität wird heute nicht mehr per Amt verliehen. Sie wird von Menschen zugeschrieben. Dieses Phänomen wird in der Pädagogik als „Neue Autorität“ nach Haim Omer bezeichnet. Während ein autoritärer Führungsstil auf Macht, Kontrolle und Gehorsam beruht, verbindet ein autoritativer (≠ autoritärer!) Führungsstil klare Führung mit Wertschätzung. Die autoritäre Botschaft lautet: „Tu es, weil ich es sage.“ Die autoritative Botschaft lautet: „Ich führe dich, weil ich Verantwortung für dich trage.“
Schule als Seismograf
Wenn ich das Klassenzimmer als Referenz für Führungsverständnis heranziehe, geht es mir keineswegs darum, die Kontexte von Unternehmen und Schule gleichzusetzen oder ihre spezifischen Herausforderungen gegeneinander auszuspielen. Es geht mir vielmehr darum, am Beispiel Schule zu verdeutlichen, was es bedeutet, an einen Ort der unmittelbaren Resonanz zu arbeiten. Am Beispiel von Arbeitsverhältnissen möchte ich deutlich machen, wie die Tragweite der Beziehungsfähigkeit als zentrale Führungskompetenz unterschätzt wird, weil diese unmittelbare Resonanz fehlt.
In der Wirtschaft wird Leadership mitunter über Mission Statements, strategische Zielvorgaben, agile Frameworks, Ownership, Psychological Safety, 360-Grad-Feedbacks und Key Performance Indicators (KPIs), also Leistungskennzahlen definiert. All diese Instrumente haben ohne jeden Zweifel eine zentrale Funktion. Sie schaffen Orientierung, gewährleisten Flexibilität, motivieren und fördern Mitarbeitende und machen Erfolge messbar. Doch ein einziger Faktor kann all dies zunichtemachen: Wenn die Führungskraft keine tragfähige Beziehung zu ihrem Team hat.
Jede Methode steht oder fällt mit der inneren Haltung, aus der heraus wir anderen Menschen begegnen. Ist die eigene innere Haltung grundlegend geprägt von Respekt, Zutrauen und echtem Interesse, hilft dies Vertrauen aufzubauen, Kooperation zu ermöglichen und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Potenzialentfaltung stattfinden kann.
Zugegebenermaßen lässt sich eine Kommunikationsmethode leichter erlernen als eine solche beziehungsfördernde innere Haltung. Worte kann man auswendig lernen und situationsgerecht abrufen. Eine Haltung hingegen zeigt sich weniger in dem, was wir sagen, sondern mehr in dem, wie wir über andere Menschen denken. Sie entwickelt sich erst, wenn wir bereit sind, unsere eigenen Überzeugungen, Annahmen und Denkmuster zu hinterfragen. In meinen Seminaren erlebe ich die praktische Entwicklung dieser konstruktiven Haltung regelmäßig als den entscheidenden Wendepunkt: Der Moment, in dem Teilnehmende verstehen, dass wirksame Führung nicht mit Methoden beginnt, sondern mit der eigenen Person.
Das neue Ich, das meine Klient:innen entwickeln, ist eine Person, die durch die Brille ihres Gegenübers sieht, in den Schuhen ihres Gegenübers geht und trotzdem nicht die eigene Perspektive verliert. Leadership bedeutet, Einfluss zu nehmen – und dauerhafter glaubwürdiger Einfluss entsteht nur dort, wo eine tragfähige Beziehung vorhanden ist. Was bedeutet dies nun konkret für den Kontext von Schule und Unternehmen?
Der Mythos über Freiheit und Freundlichkeit
Eine der größten Herausforderungen in der Führung ist es, das binäre Denken zu überwinden: Erfolgreiche Führung gelingt weder autoritär durch ausschließliche top-down-Ansagen noch, indem man sich in einer Therapeutisierung des Alltags oder einer Verantwortungsdiffusion verliert. Ersteres erzeugt Widerstand, letzteres führt zu Orientierungslosigkeit und einer Haltung: Wenn alle verantwortlich sind, ist es am Ende niemand.
Die zeitgemäße Pädagogik verfolgt das Prinzip „Freiheit in Grenzen“. Grenzen bedeuten hier nicht Einschränkung von Autonomie, sondern das Schaffen von Sicherheit durch Orientierung, Verlässlichkeit und klare Leitplanken. Kinder – wie auch erwachsene Teams –, die keine klaren Erwartungshaltungen erleben, fühlen sich oft unsicher oder orientierungslos. Sie erleben sinngemäß also „Freiheit ohne Grenzen“, was sich erst einmal nach Selbstbestimmung anhört, aber letztendlich ein Verlust an Halt und Verlässlichkeit bedeutet. Dieses pädagogische Konzept stammt aus den 1968er Jahren und war der Reflex, von einem Extrem ins andere zu verfallen, nachdem zuvor der autoritäre Stil vorherrschte nach dem Motto „Grenzen ohne Freiheit“.
Ein bindungs- und bedürfnisorientierter Führungsstil setzt Grenzen freundlich und bestimmt, ohne dem Gegenüber vor den Kopf zu stoßen. Hierbei geht es nicht um Machtausübung, sondern um Sicherheit. Erst wenn die psychische Sicherheit gewährleistet ist, kann Resilienz entstehen. Ein verlässlicher, angstfreier Rahmen ist eine zentrale Voraussetzung für gelingendes Lernen in der Schule und für Höchstleistung im Job.
Beziehung als Resonanzraum
Ein zentraler Pfeiler unserer pädagogischen Arbeit ist die Erkenntnis, dass Bindung die Voraussetzung für Bildung ist. Kein Kind strengt sich primär wegen eines Arbeitsblattes an. Es strengt sich an, weil ihm die Beziehung zur Lehrkraft wichtig ist. In der Wirtschaft ist das nicht anders. Menschen verlassen selten Unternehmen, sie verlassen Vorgesetzte. Wer glaubt, Leistung dauerhaft durch Druck erzwingen zu können, unterschätzt eine menschliche Konstante: Potenzial entfaltet sich dort, wo Menschen sich sicher, wertgeschätzt und wirksam fühlen.
Führung bedeutet, Menschen etwas zuzutrauen, Fehler auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und zu übertragen. Es geht nicht darum, Menschen ausschließlich dort einzusetzen, wo sie bereits die meisten Kompetenzen besitzen, sondern wo ihr Interesse vorhanden ist. Es geht darum, Räume zu geben, in denen Autonomie und Wachstum möglich werden.
Der Irrtum über Bedürfnis und Konsequenz
In meinen Kommunikationstrainings zur emotionalen Intelligenz stoße ich häufig auf ein verzerrtes Verständnis von Konsequenz. Viele glauben, Konsequenz bedeute Unnachgiebigkeit. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ich mache das an einem Beispiel aus meinem Schulalltag fest:
Ein Schüler, nennen wir ihn Emil, stört massiv den Unterricht. Als Lehrkraft verfällt man leicht in Machtkämpfe, diskutiert, droht, bestraft oder fleht um Kooperation. Das Ergebnis? Emil findet seine Lehrkraft doof und seine nächste Störung ist gegen sie gerichtet. Was wurde versäumt? Emils Bedürfnis zu sehen, etwa nach Autonomie, Beachtung oder Bewegung. Stattdessen hatte die Lehrkraft nur den eigenen Regelkanon im Blick.
Ein bedürfnisorientierter Führungsstil kommt ohne Strafe und Demütigung aus. Die Haltung dahinter lautet: Ich bin nicht gegen dich, sondern für die Sache. Ich sorge dafür, dass gemeinsames Arbeiten möglich bleibt, und ich möchte dich im Boot behalten. Echte Konsequenz bedeutet, im Einklang mit den eigenen Werten zu handeln, Situationen neu zu beurteilen und nicht um jeden Preis eine angekündigte Drohung durchzusetzen.
Da wir es mit Menschen und nicht mit Maschinen zu tun haben, braucht jede Konsequenz eine zweite Chance. Ziel von Führung sollte niemals der Sieg sein, sondern das gemeinsame Ziel. Die wichtigste Konsequenz einer Führungskraft ist ihre eigene Haltung: Ruhig, klar und verlässlich zu bleiben, auch wenn das Gegenüber einen emotional herausfordert.
„Ich verstehe dich!“ ist ein Bullshit-Satz
Emotionale Intelligenz und Beziehungsfähigkeit bedeuten nicht, in allen Meetings Befindlichkeiten zu wälzen. Sie bedeuten, Gefühle ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen steuern zu lassen: eigene Reaktionen zu regulieren, in Konflikten stabil, klar und wertschätzend zu bleiben und dadurch zeitraubende Kommunikationsschleifen zu reduzieren.
Teilnehmende meiner Trainings – egal ob aus der Schule oder der freien Wirtschaft – berichten oft schon nach kurzer Zeit von einer höheren Belastbarkeit. Weil sie lernen, zum Fels in der Brandung zu werden.
Emotionale Intelligenz bedeutet „erst verstehen, dann verstanden werden“. Wichtig dabei ist, sich klarzumachen, dass es nicht ausreicht, die Floskel „Ich verstehe dich“ nur oft genug zu wiederholen. Ich empfehle den Satz „Ich verstehe dich“ aus dem eigenen Wortschatz zu streichen und es stattdessen zu tun. Echtes Verstehen bedeutet, die Perspektive des anderen tatsächlich nachzuvollziehen und auf dieser Basis dennoch die notwendige Führungsentscheidung zu treffen.
Führung ist eine Dienstleistung
Ob im Klassenzimmer oder im Büro: Menschen orientieren sich an der emotionalen Sicherheit ihrer Führungsperson. Je souveräner und innerlich klarer sie auftritt, je freundlicher und nahbarer sie ist, desto eher werden Menschen ihr folgen. Führung ist kein Privileg des Status, sondern eine Dienstleistung an der Beziehung.
Autor:in
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Johanna Lucić (sie/ ihr)
Johanna Lucić schreibt in ihrer Kolumne über emotionale Intelligenz, Meinungsvielfalt und die Frage, wie ein respektvolles Miteinander in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft gelingen kann.Sie verbindet Erkenntnisse der modernen Emotionsforschung mit ihrer Erfahrung als Dozentin in der Erwachsenenbildung, Lehrkraft am Gymnasium, Kommunikationstrainerin und systemische Coachin.In ihren Texten beleuchtet sie, welche Voraussetzungen es für eine offene Debattenkultur braucht, und gibt praxisnahe Impulse für Gesellschaft und Arbeitswelt.Wenn Sie ihre journalistische Arbeit wertschätzen, können Sie diese mit einem Beitrag via [Steady] unterstützen.
