Es war Wirtschaft und Politik Unterricht in der Oberstufe. Ich glaube in der 11., aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher. Wir haben uns die Bedürfnispyramide nach Maslow angeschaut und sollten die verschiedenen Bedürfnisse sortieren. Über diese Stunde denke ich immer wieder nach. Innerhalb von wenigen Minuten wurde mir klar, dass meine Klassenkameraden und ich sehr unterschiedliche Leben führen.
Denn für mich war Sicherheit eines der höchsten Bedürfnisse. Ein Bedürfnis, dass ich nicht kannte und auch bis heute nicht wirklich kenne. Für die anderen, wie auch Maslow, war es eine Selbstverständlichkeit.
Als einzige Familie in unserem Dorf, die Rassismus kennt, und als eine von vielleicht drei nicht-weißen Schüler:innen in unserem Jahrgang auf dem Kleinstadtgymnasium hatte ich offensichtlich ein sehr anderes Erleben von Sicherheit.
Dabei musste ich nicht antifaschistisch organisiert sein, um die örtlichen Nazis zu kennen. Es waren ihre Blicke und Kommentare, auch wenn ich mich nie physisch gegen sie wehren musste. Es waren die NPD-Wähler:innen aus dem Dorf, die Faschos aus der Nachbarschaft mit denen ich Bus fahren, oder im Praktikum zusammenarbeiten musste. Es waren die Freund:innen aus der Schule, die mit diesen gleichen Faschos an den Wochenenden gefeiert haben, aber deren politischen Positionen natürlich verwerflich fanden, und trotzdem mit ihnen getrunken haben. Schließlich kannte man sich „seit der Kindheit“.
Meine Wochenenden habe ich anstatt mit diesen Faschos auf Dorffesten, in Moscheen verbracht. Sehr spät erst habe ich hinterfragt, warum bei größeren Veranstaltungen oder dem Freitagsgebet immer eine Person zur Sicherheit draußen stand. Noch später erst habe ich von den wiederkehrenden Angriffen auf die Moscheen erfahren. Mein Vater hat nicht drüber gesprochen. Auch die Gemeinde hat das nicht thematisiert und die Streifenwagen vor der Tür waren auch immer schon mehr verunsichernd als hilfreich.
Was mit Muslim*innen und Moscheen in diesem Land passiert ist keine Schlagzeile wert. Vielleicht auch frustrierend für diejenigen, die gerne mal Schweineköpfe oder -blut an Moscheen hinterlassen. Für mich als Betende hat es nicht mehr oder weniger gemacht als die Hakenkreuze, die „nur aus Spaß“, auf Schultische gemalt wurden.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wirklich Angst vor körperlicher Gewalt gehabt zu haben. Und trotzdem war ich mir sicher, dass ich das Gefühl von Sicherheit nicht kenne.
Ein paar Jahre nach dieser Unterrichtsstunde hatte ich eine Erkenntnisse, die mir viel Sicherheit gegeben hat, obwohl sie genau das Gegenteil bedeutet:
Wenn mich eine willkürliche Person mich auf der Straße einfach umbringen würde, wird es die allermeisten Menschen nicht interessieren. Ich weiß, dass die Menschen, die mich kannten, um mich trauern würden. Aber es würde ein persönlicher Verlust bleiben und kein politisches Poblem. Das ist die Realität in der ich tagtäglich in diesem Land lebe. Polizei mordet. Männer morden. Nazis morden.
Doch was verbleibt gegen die Verunsicherung? Es bleiben die Menschen. Die Menschen mit denen ich über meine Ängste reden kann und die Paranoia, die diese Gesellschaft auslöst. Wir brauchen diese Menschen und müssen sie auch für einander sein, damit wir uns gemeinsam halten und schützen. Menschen, die verstehen und da sind, wenn der Ex, Bullen oder Nazis hinter uns her sind. Denn Sicherheit können wir nur für einander sein.
Autor:in
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laila
laila ist Aktivistin, Lehrerin und Gründungsmitglied von DRUCK. Sie arbeitet zu migrantischer Selbstorganisierung und Polizei. Bei DRUCK ist sie aktiv im Syndikat, der Redaktion und im Projektmanagement.
