Ich war jetzt fast ein Jahr lang erstaunlich „stabil“, beziehungsweise mein Leben war es. Ich hatte eine Art Struktur, mit der ich nie zufrieden war, und einen relativ gesunden Lebensstil. Natürlich muss man das in Relation mit meinem bisherigen Leben sehen. Es war irgendwie verhältnismäßig ruhig.
Das hat sich jetzt geändert. Ruhig ist es immer noch – dazu kommen wir noch – dennoch bin ich wacklig auf den Beinen. Es ist kein Totalzusammenbruch, es ist ein sich langsam vor sich hinschleppen, schauen wo man Abstriche machen kann, wo man sich Freiräume schaffen kann, wo man nicht funktionieren muss, Hauptsache nichts müssen und alles Müssen, so schnell wie möglich abhaken – mit Tunnelblick. Ich glaube, ich hätte es kommen sehen müssen. Letztes Jahr, genau um dieselbe Zeit, hatte ich auch einen Einbruch. In beiden Jahren bin ich mir nicht sicher, ob es was mit der Hitzewelle, oder einem viel zu überladenen Mai und Juni zu tun hatte. Wahrscheinlich war es von beidem etwas.
Paradoxerweise hatte ich sehr viele schöne Erlebnisse, aber genau diese haben mich in meinem Alltag stolpern lassen. Es ist nicht so, als hätten sie mich runter gezogen, aber sie konsumierten viel meiner Energie und wenn mein Fokus für einen längeren Zeitraum auf eine Sache gerichtet ist, fällt mir der Übergang zum „Alltäglichen“ ziemlich schwer. Ich kann mich aber nicht vor solchen Erlebnissen „isolieren“ und das möchte ich auch nicht. Ich würde mir selbst positive Erfahrungen wegnehmen und das kann nicht die Lösung sein.
Es ist schwierig zu sagen, wie es mir geht. Meine Gefühle zu benennen, scheint mir nahezu unmöglich. Es ist als hätte ich gerade wenig Zugang zu mir selbst. Das ist okay. Ich weiß nicht mal, ob ich das gerade gebrauchen könnte. Ich kann aber sagen, dass es anstrengend ist – das Leben ist gerade anstrengend. Auf irgendeine Art und Weise komme ich klar, die ADHS-Medikamente tun wahrscheinlich ihr Bestes, aber ein gutes Leben ist etwas anderes.
Aber wie geht man mit so etwas um?
Vor ein paar Jahren noch, hätte ich das auf irgendeine Art ausgesessen. Klar, Aussitzen ist es immer, irgendwie auf eine Art, aber ich habe mich nicht mal mehr um mich selbst gekümmert. Heute ist mir nicht mehr so viel egal. Es ist anstrengender, aber ich will es nicht noch schlimmer machen.
Meine alte Therapeutin hat mich mal gefragt „Was ist dieses Mal anders als früher?“ und dieser Satz geht mir gerade regelmäßig durch den Kopf. Und die Antwort, die ich darauf habe ist: Viel. Es beruhigt mich auf eine Weise und ich kann mit mir selbst und mit der Situation ein wenig besser umgehen. Der Stress ist trotzdem da.
Tatsächlich ist dieses Jahr einiges besser als letztes. Ich isoliere mich zum Beispiel nicht mehr komplett, sondern ich suche Kontakt zu meinem Umfeld, oder ich versuche Lösungen zu finden, die mich ein wenig entlasten. Ich vertraue der Zeit auch mehr – obwohl da immer noch ein unterschwelliges Misstrauen herrscht – es geht vorbei, am ehesten dann, wenn ich es am Wenigsten erwarte.
Es ist ein Satz, der mich stabilisiert, weil er mich vor dem totalen Katastrophenmodus schützt, der mich sonst glauben lässt, es wäre ohnehin alles verloren. Aber das ist es nicht. Es wäre auch unrealistisch nicht mehr zu straucheln und nie wieder in alte Muster zu verfallen. Ich habe über mich gelernt: Alles entwickelt sich langsam und ich darf nichts erzwingen.
Ich muss noch herausfinden, wie ich mich auf die nächste Phase vorbereiten kann, wie ich es mir selbst noch erträglicher gestalten kann und ob ich ein Tief irgendwann in ferner Zukunft sogar selbst beenden kann. Aber dafür ist noch Zeit und das ist okay.
Autor:in
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Joana Hammerer (sie/ihr)
Mein Nam
e ist Joana, ich schreibe schon seit 2018 als fraumisanthropin auf Instagram darüber, wie es ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben. Immer wieder fällt mir auf, dass ich in dieser Gesellschaft auf unsichtbare Barrieren stoße, dass man mir anders begegnet als anderen, egal ob sie von meinem ADHS, oder meiner Traumafolgestörung wissen. Ich möchte in dieser Kolumne Erlebnisse und Beobachtungen teilen, die mir als Betroffene über den Weg laufen, wie gewisse Symptomatiken „von innen“ aussehen, welche Vorurteile immer noch in dieser Gesellschaft herrschen und welche gesellschaftlichen Normen insbesondere für psychisch kranke Menschen (aber nicht nur!) durchaus problematisch sind. Dafür werde ich auch immer wieder persönliche Erfahrungen als Beispiel nutzen. Bitte beachtet, dass ich keine Fachperson bin, aus einer Betroffenenperspektive schreibe und auch hinsichtlich dem Krankheits- oder Neurodivergenzerleben nur über ADHS, sowie kPtBS sprechen kann.
