KolumnenDie uralte Erzählung von emotionalität und ihre Folgen

Die uralte Erzählung von emotionalität und ihre Folgen

Stellt euch mal eine Katze vor, die sich von einem Menschen bedroht und in die Ecke gedrängt fühlt. Sie wird laut sein, sie wird schreien, fauchen, beißen und kratzen; ja, sie wird anderen weh tun. Vielleicht auch so, dass die Narben für immer bleiben und trotzdem konnte sie im Endeffekt nichts dafür., Denn sie war nicht in der Machtposition, sie hat einfach nur versucht die Situation zu überleben.

Vor ein paar Wochen wurde mir ein Statement zu einem YouTube-Video auf die Timeline gespült. Es handelte sich um Vorwürfe an einen nicht unbekannten Musiker – sie kamen von seiner Ex-Freundin – gut eine Stunde lang berichtete sie von der Gewalt und dem Missbrauch, den sie durch ihn fünf Jahre lang erlebt hatte. Sie blendete Sprachnachrichten, Chatverläufe, sogar Dokumente ein, um ihre Aussagen zu belegen. Alles davon zeigte das unglaublich dreckige Ausmaß, das so eine Beziehung mit sich bringen kann. Sie veröffentlichte sogar Chatverläufe, in denen sie selbst komplett ausflippte.

Das Video schlug ziemliche Wellen – zumindest in der elektronischen Musik-Bubble – für den benannten Musiker hatte das schnell Konsequenzen: Veranstalter nahmen ihn aus dem Line Up und sogar seine geplante Tour wurde abgesagt.

Warum ich euch davon erzähle?

Gestern hat dieser besagte Musiker ein Video-Statement auf Instagram hochgeladen und ich denke seitdem immer wieder darüber nach. Die Vorwürfe wurden nicht wirklich entkräftet – eher wurde eine uralte Erzählung aufgegriffen: eine krankhaft eifersüchtige Furie will das Leben eines erfolgreichen und unbescholtenen Mannes zerstören und greift dabei zu allen Mitteln. Natürlich wurden hier auch wieder Chatverläufe eingeblendet – mit Nachrichten, die sie geschrieben hat – aber wenn man ihre Geschichte angehört hat, weiß man auch warum.

Für jemanden, der:die in einer missbräuchlichen Beziehung war sind diese Dinge nichts Neues. Die eigene Emotionalität, die eigene Wut wird vom Täter:Täterin zur Waffe gemacht, zum Beweis, dass man selbst der missbräuchliche Part war. Und soll ich euch was sagen? Die ganze Welt glaubt es. Zumindest fühlt sich es so an.

Da hat wer geschrien, in Großbuchstaben geschrieben, beleidigt? Das ist Beweis genug, dass diese Person das Problem ist.

Die Frage, wie es dazu kommt, dass jemand so ausflippt?

Die wird nur gestellt, wenn es die Person betrifft, die ernster genommen wird. Es ist meistens die Person mit mehr Macht, mehr Einfluss und auch die Person, die als „ruhig und besonnen“ wahrgenommen wird. Eine einzige Äußerlichkeit entscheidet darüber, wem geglaubt wird und wem nicht. Im besten Fall heißt es dann „beide haben Schuld“.

Ich könnte hier jetzt ein Fass aufmachen, über Hysterie erzählen und über sonstige Dinge, die im Laufe der Geschichte mit als weiblich wahrgenommenen Personen angestellt wurden, aber dann würde ich hier nicht zum Punkt kommen – denn der Punkt ist, dass wir uns von dem Bild der ruhigen und besonnen Person als den glaubwürdigen und vernünftigen Part verabschieden müssen. Und im Zuge dessen auch vom lauten emotionalen Part als das einzig und alleinige Problem.

Damit möchte ich nicht sagen, dass man das jetzt komplett umdrehen sollte, nein, aber „ruhig und besonnen“ versus „laut und emotional“ ist keine Gegenüberstellung von Gut und Böse, sondern es ist eine Beschreibung von Verhalten und in dieser Beschreibung sollte erst mal keine Wertung stecken.

Als Frau mit einer Traumafolgestörung und ADHS ist genau das für mich schon immer irgendwie ein Thema gewesen – nicht ernst genommen werden, weil man emotionaler reagiert, oder weil man (unwissentlich) eine Trauma Response zeigt.

Natürlich wusste ich, wenn mir Unrecht getan wurde, aber meine Reaktion darauf wurde mir immer so ausgelegt, dass ich zumindest eine Teilschuld zugesprochen bekam. Ich war die, die „nicht mal was schlucken“ konnte, oder „vollkommen am Rad drehte“. Was davor passierte, oder welchem Stress ich dauerhaft ausgesetzt wurde, war im Prinzip unwichtig.

Natürlich könnte man jetzt sagen: „Dann sollen die Menschen anders reagieren.“

Das würde allerdings voraussetzen, dass wir alle in jeder Sekunde unseres Lebens mit einem komplett freien Willen entscheiden können, was wir tun oder was wir sagen und es würde auch voraussetzen, dass es keine psychischen Erkrankungen gäbe. Die Realität sieht – wie ihr ja wisst – komplett anders aus.

Im Falle einer missbräuchlichen Beziehung liegt ein dauerhafter Stresszustand vor. Man ist 24 Stunden, sieben Tage die Woche damit beschäftigt diesen Zustand zu überleben und bevor der Stress kam, gab es in diesen Beziehungen immer die Lovebombingphase, auch Honeymoon genannt, die unter anderem dazu führt, dass man die missbrauchende Person als „Safe Space“ abspeichert und selbst wenn der Missbrauch anfängt, versucht man immer wieder zurück in diesen Safe-Space-Zustand zu kommen. Das funktioniert so gut, weil vorgegaukelte Sicherheit und Missbrauch sich abwechseln. Für die missbrauchte Person ist das ein unbeschreiblicher Stress, ein Stress, den ich selbst 3 Jahre lang erlebt habe und diesen Stress wünsche ich keinem.

Ein Gehirn, das in diesem Zustand ist, versucht vor allem eins: zu überleben. Es ist quasi ein dauerhafter Survival Mode. Die Areale im Gehirn, die fürs reine Überleben nicht gebraucht werden, sind in diesem Zustand weniger aktiv, im Umkehrschluss sind die, die dafür zuständig sind aktiver. Es geht nicht mehr darum, sich sinnvoll auszudrücken, oder etwas „erwachsen und vernünftig“ zu regeln – es geht darum, im Hier und Jetzt alle Register zu ziehen und sich selbst zu verteidigen und ich sage euch eins: das kann ziemlich hässlich werden.

Stellt euch mal eine Katze vor, die sich von einem Menschen bedroht und in die Ecke gedrängt fühlt. Sie wird laut sein, sie wird schreien, fauchen, beißen und kratzen; ja, sie wird anderen weh tun. Vielleicht auch so, dass die Narben für immer bleiben und trotzdem konnte sie im Endeffekt nichts dafür. Denn sie war nicht in der Machtposition, sie hat einfach nur versucht die Situation zu überleben und sich zu verteidigen.

Wir verlangen viel zu viel von Menschen, die wie Dreck behandelt wurden, oder es immer noch werden. Wir erwarten ein perfektes Opfer, einen gebrochenen Engel, der sich nichts zuschulden hat kommen lassen, sonst glauben wir nicht, sonst zeigen wir mit dem Finger auf diese Menschen und sagen „aber du…“ und raffen einfach nicht, wie dreist es ist, von einem Menschen in diesem Zustand besonnenes Verhalten zu verlangen. Wir können aber nicht immer von uns selbst ausgehen, wenn wir in einer komplett anderen Situation sind.

Ich sitze gerade hier und begreife, dass ich schon sehr lange mit keiner Trauma Response mehr kämpfen musste, ich muss nicht mehr überleben, ich kann anders reagieren – aber Menschen, die im Missbrauch stecken können es nicht. Natürlich würde ich auch jetzt meinem Täter nicht das Beste wünschen und natürlich könnte ich, ohne mit der Wimper zu zucken Bezeichnungen über ihn raushauen, die manche Menschen auch mit der Vorgeschichte nicht gutheißen würden. Der Unterschied ist, dass ich trotzdem nichts sagen oder tun würde, was ich nicht sonst auch sagen oder tun würde – weil ich – und ja, ich wiederhole mich – nicht überleben muss. Ich bin in Sicherheit und ich werde nicht bedroht; ich sehe eine komplett andere Welt, als die, die ich im Missbrauch gesehen habe.

Wenn wir mit dem Thema Missbrauch anders umgehen wollen, müssen wir uns zwingend damit auseinandersetzen, wie die menschliche Psyche darauf reagieren kann. Es ist ein Problem nur kurz einen Blick auf das Verhalten und Wirken einer Person zu werfen und danach zu urteilen, denn sonst kommen wir wieder an diesen einen Punkt, wo Opfern nicht geglaubt wird, oder es als hässlicher Streit zwischen zwei Menschen abgestempelt wird. Es ist Zeit zu hinterfragen, ob eine ruhige Tonlage und fehlende Emotionalität wirklich so viel aussagt.

Strukturen können sich nicht ändern, wenn Menschen, die in Machtpositionen sind, sich sicher fühlen und so agieren können, weil sie wissen sie stehen besser da und weil sie wissen, dass sie mit vergleichsweise wenig Konsequenzen davonkommen können. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen.

Autor:in

  • Mein Name ist Joana, ich schreibe schon seit 2018 als fraumisanthropin auf Instagram darüber, wie es ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben. Immer wieder fällt mir auf, dass ich in dieser Gesellschaft auf unsichtbare Barrieren stoße, dass man mir anders begegnet als anderen, egal ob sie von meinem ADHS, oder meiner Traumafolgestörung wissen. Ich möchte in dieser Kolumne Erlebnisse und Beobachtungen teilen, die mir als Betroffene über den Weg laufen, wie gewisse Symptomatiken „von innen“ aussehen, welche Vorurteile immer noch in dieser Gesellschaft herrschen und welche gesellschaftlichen Normen insbesondere für psychisch kranke Menschen (aber nicht nur!) durchaus problematisch sind. Dafür werde ich auch immer wieder persönliche Erfahrungen als Beispiel nutzen. Bitte beachtet, dass ich keine Fachperson bin, aus einer Betroffenenperspektive schreibe und auch hinsichtlich dem Krankheits- oder Neurodivergenzerleben nur über ADHS, sowie kPtBS sprechen kann.

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