Vor rund 2 Wochen wurde ich in einer größeren (und sehr weißen) Runde über das Thema Rassismus befragt; Was würde ich damit meinen, wenn ich von der Negation unserer Körper spreche? Wie fühlt sich das an? Habe ich Beispiele?
Ich begann zu erzählen, sprach von trüben Erinnerungen meiner Kindheit, zitierte die gelesene Theorie, freute mich über das zustimmende Nicken der einzigen anderen Person of color im Raum.
Und dann begann es. Ganz plötzlich. Das erste mal seit über einem Jahr. Ich musste weinen.
Geboren bin ich in der Schweiz – doch stets mit dem Gefühl Ausländer:in zu sein. Meine Mutter ist das Kind einer taiwanesischen Ureinwohnerin und eines (reaktionär-)chinesischen Soldaten. Sie wuchs in Taiwan auf und ist vor rund 25 Jahren in die Schweiz migriert. Als Kind besuchte ich Taiwan oft.
Schon damals fiel mir eine interessante Formulierung der chinesischen Sprache auf; Wann auch immer wir nach Taiwan gingen, dann sprachen wir nicht von 去台灣 (qù tái wān; nach Taiwan gehen) sondern stets von 回台灣 (huí tái wān; nach Taiwan zurückkehren).
Zuletzt da war ich vor nun 7 Jahren. Länger auf der Insel gelebt habe ich nie. Chinesisch spreche ich noch alle paar Wochen, wenn ich meine Mutter treffe. Und trotzdem ist Taiwan mehr Heimat als die Schweiz je war.
Dieser Heimatsbezug zu Taiwan entstand nicht im Bezug auf meine “Wurzeln” – er ist ein Verteidigungsmechanismus gegenüber einer Gesellschaft, welche uns jeden Tag klarmacht, dass wir nicht dazugehören. Meine Heimat ist keine bürgerliche Idylle, sie ist lediglich ein Ort an welchem meine äußerlichen Merkmale, für welche ich meine halbe Kindheit gehänselt wurde, mehr als nur akzeptiert werden: sie sind einfach normal.
Ich schreibe diesen Text im Flugzeug auf dem Weg in diese Heimat – in etwa 9 Stunden werde ich meine Familie umarmen, meine Sprache sprechen, mein Essen essen, meine Kultur fühlen. Die Euphorie hält sich seit Wochen.
In etwa 9 Stunden werde ich kein:e Ausländer:in sein – sondern Zurückgekehrte:r. Halt eben normal, sogar dazugehöhrig. Die Euphorie hält sich seit Wochen.
Ich denke zurück an meinen verheulten Abend vor rund zwei Wochen. Und lächle.
Autor:in
-
Noctua Rosa Moser (-)
Mein Name ist Noctua, ich benutze keine Pronomen und ich lebe in Zürich – meine Mitmenschen beschreiben mich als müde, unsozial, aber dennoch liebenswert. Ich würde ein anderes Wort wählen: Elend. Wann immer ich spreche, verkriecht sich die Lebensfreude in einen dunklen Winkel, an den meisten Tagen fühle ich mich wie eine Fliege, zertrümmert zwischen Küchenfenster und Hand, noch nicht ganz tot, doch auch nicht lebendig.Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der Kultur eine Ware, Liebe eine Dienstleistung und das Leben einzig ein Mittel zur Profitmaximierung ist; eine Welt, in der wir der kapitalistischen Ideologie unterworfen sind. In dieser Kolumne werden wir das unvollständige Leiden, den unstillbaren Durst und das unendliche Geschrei, welche diese Ideologie mit sich bringt, behandeln. Text für Text und Monat um Monat werden wir gemeinsam leiden, trinken und schreien – wenn schon nicht aus Hoffnung, dann wenigstens aus Trotz.
