Mitten in Athen gegenüber vom Fußball-Stadion, zwischen Gerichtsgebäude, Krebskrankenhaus und Polizeiwache befinden sich acht Häuserblöcke, die seit sie 1930 gebaut wurden viel gesehen haben. Mittlerweile ist der größte Teil dieses Viertels besetzt und bewohnt. Mit seinen 400-500 Bewohner*innen aus 27 verschiedenen Ländern, die 20 Sprachen sprechen und mit über 20 selbstorganisierten Strukturen ist Prosfygika die größte Hausbesetzung in Griechenland.
In den selbstorganisierten Strukturen kümmern sich die Bewohner*innen, Unterstützer*innen und Internationalist*innen darum, was eben gebraucht wird.
Brot und Gebäck aus der eigenen Bäckerei “Berkin Elvan” (benannt nach einem alevitischen Jugendlichen in der Türkei der am 16. Juni 2013 während er Brot holen wollte, bei den Gezi-Protesten von der Polizei verletzt wurde und nach neunmonatigem Koma an der zugefügten Schussverletzung starb); um ihre Gesundheit in der Health structure und social Pharmacy; um die Verteilung von Lebensmitteln von benachbarten Märkten und um die Erziehung und Bildung mit selbstorganisierten Kindergarten. Es gibt eine Bibliothek, eine Gruppe um die Gebäude in standzuhalten und zu renovieren und es gibt eine Frauenstruktur, die sich wöchentlich trifft und ihre Belange organisiert. Und natürlich der Kioski an dem abends Filme gezeigt werden oder andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Oder einfach wo alle nach einem langen Tag bei Toast und einem Getränk zusammenkommen.
In den 2010er Jahren beschlossen einige der damaligen Bewohner*innen sich zu organisieren und es entstand die Versammlung der besetzten Gemeinschaft Prosfygika (SY.KA.PRO).
Mit am beeindruckendsten am ganzen Projekt finde ich, wie man es geschafft hat sich von den mafiösen Strukturen zu befreien, die sich in einer Phase des Leerstands einiger Wohnungen ausgebreitet hatten. Nach ersten halb-erfolgreichen Versuchen der Stadt die Bewohner*innen aus ihren Wohnungen raus zukaufen (mit der Alternative einfach geräumt zu werden) breiteten sich mafiöse Strukturen – von Drogen bis Menschenhandel- aus. Doch nach und nach wurden diese von der Gemeinschaft aus Wohnungen vertrieben, Schlösser ausgetauscht und klargemacht: Wer Drogen verkauft und Menschen ausbeutet ist nicht willkommen. Es ist ein Beispiel, wie eine Gemeinschaft ohne Polizei und Staat für ihre Sicherheit sorgen kann.
“our answer to repression is creation”
Das Zurückgewinnen dieser gemeinsamen Räume wurde bestimmt nicht einfach durch Haustürgespräche und ein nettes Gespräch erreicht. Aber es ist Teil der Philosophie der Gemeinschaft, Zerstörung und Repression das Erschaffen von etwas Neuem entgegenzusetzen. Eine der ersten Strukturen, die social kitchen, wurde daher direkt eröffnet in einem Raum, in dem zuvor Drogen gekocht wurden. Die vorherige Nutzung des Raums wurde nicht nur unterbunden, er wurde direkt mit neuem sozialen Leben gefüllt.
Das ist die jüngere Geschichte, in denen es auch schon einige Vorfälle von Repressionen und den Versuch gab in die Gemeinschaft einzudringen. Aber diese acht Blöcke und ihre Bewohner*innen haben mittlerweile fast 100 Jahre umkämpfter Geschichte.
Fast hundert Jahre Geschichte
Prosfygika (Προσφυγικά) – in den 1930ern gebaut, um Flüchtlinge aus Anatolien nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1919-22 unterzubringen, heißt soviel wie Flüchtling oder Flüchtlingslager. Seit Beginn hat dieser Ort viele Versuche der Vertreibung überstanden. Erst sollte eigentlich das Fußballstadion dort gebaut werden, später das Gerichtsgebäude, das jetzt neben den Wohnblöcken steht.
Noch heute sieht man auf den Fassaden, neben Graffiti wie „solidarity is our common language“, Einschusslöcher aus 1944 , als antifaschistische Partisanen Prosfygika als Zufluchtsort vor der griechischen und britischen Staatsarmee nutzen.
Räumungsgefahr und Hungerstreik
Seit kurzem ist die besetzte Gemeinschaft nun wieder in Gefahr. Die lokale Regierung plant durch die Räumung von vier Gebäuden der Nachbarschaft und deren Renovierung und das ab Juli 2026. In einem Vertrag veröffentlichten Ziele – die Umnutzung der Gebäude zu Wohnungen für Besucher des angrenzenden Krebskrankenhauses und zu Sozialwohnungen – wirken fast schon ironisch: eine lebendige und selbstorganisierte Gemeinschaft, die wirklich auf ihre Wohnungen angewiesen ist, auf die Straße setzen um dann Sozialwohnungen daraus zu machen?!
Um das zu verhindern und folgende Forderungen durchzusetzen ist ein Bewohner der Gemeinschaft – Aristotelis Chantzis – seit 5. Februar im unbefristeten Hungerstreik:
1. Die Region Attika (Kommunalverwaltung) muss den Vertrag unverzüglich kündigen.
2.Allen Bewohner*innen von Prosfygika muss gestattet werden, in ihren Wohnungen und in der sozialen, kulturellen und organisatorischen Gemeinschaft, die sie aufgebaut haben, zu bleiben.
3. Der kürzlich gegründeten gemeinnützigen juristischen Person „Bewohner*innen und Freunde von Prosfygika L. Alexandras“ müssen konkrete Garantien für die Renovierung von Prosfygika gegeben werden, und zwar mit eigener Finanzierung! Keine öffentlichen Gelder für die „Sanierung“ von Prosfygika!
Ganz nach dem Motto “our answer to repression is creation” lädt die Gemeinschaft alle Internationalist*innen ein nach Athen zu kommen und bei der Renovierung zu helfen oder die Kampagne mit Veranstaltungen und Geld von Zuhause aus zu unterstützen.
Unter https://www.firefund.net/saveprosfygika kann jede*r die Gemeinschaft unterstützen, wie schon so oft ihre Belange in die eigene Hand zu nehmen: Damit die Bewohner*innen selbst die Renovierung der Fassade und der Gebäude übernehmen können und die Lokalregierung und die Investoren noch einen fadenscheinigen Grund weniger haben die Gemeinschaft zu räumen und zu zerstören!
Autor:in
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Alex (sie/ihr)

Ich bin Alex (Sie/Ihr) und durch die Klimagerechtigkeitsbewegung politisiert und in Lützerath radikalisiert. Im Moment studiere ich soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Migration und Flucht und arbeite als Assistenz für eine be_hinderte Freundin. In den letzten Jahren habe ich politisch – neben Klimagerechtigkeit – vor allem zu Anti-Militarismus und Palästina-Solidarität gearbeitet. Gerade interessiere ich mich für Care-Arbeit und Abolitionismus. Ich werde in meiner Kolumne darüber schreiben, was mich in unseren Bewegungen beschäftigt. Von guten Nachrichten und Errungenschaften bis zu Kritik an unseren Bubbles wird alles dabei sein. Ganz nach dem Motto: Wie können wir uns umeinander kümmern, um für ein gutes Leben für Alle zu Kämpfen?
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