Habt ihr schon mal was von Nitazenen gehört? Falls nicht: Das sind synthetische Opioide, die die Wirkung von Heroin nachahmen. Also sowas wie Fentanyl. Nur, dass Nitazene nochmal krasser sind. Sie sind zum Teil bis zu 1.500-mal potenter als Morphin und übertreffen Fentanyl damit oft um das 15- bis 30-Fache. Entsprechend kann man sich damit natürlich super leicht überdosieren, weil man nur eine winzige Menge braucht, um die Wirkung zu spüren.
Das Problem ist nun: Diese hochpotenten synthetischen Opioide gibt es – so wie viele andere sogenannte research chemicals – auf einschlägigen Webseiten online zu kaufen. Nicht im Darknet. Sondern im Clearnet. In ganz normalen Onlineshops. Und in der Regel legal. Man muss nur wissen, wonach man sucht.
An dieser Stelle sei gesagt: Das ist ausdrücklich keine Empfehlung, das mal auszuprobieren. Nitazene und andere synthetische Opioide sind wirklich scheiße-gefährlich. Also bitte, Leute: Tut Euch selbst und den Menschen, die Euch lieben, einen Gefallen und lasst die Finger davon. Ihr werdet noch lebend gebraucht!
Ich erzähle nur davon, weil das Aufkommen dieser Stoffe mal wieder ein gutes Beispiel dafür ist, welche absurden Auswüchse unsere aktuelle Drogenpolitik hervorbringt. Los geht’s also mit der ersten Frage: Warum gibt es diese potenziell tödlichen Stoffe überhaupt legal auf dem Markt?
Diese Frage habe ich in den letzten Wochen einer ganzen Reihe von Expert*innen gestellt; aus der Suchthilfe, aus der Forschung, ja, sogar einer Ermittlerin der Polizei. Die Antwort ist immer dieselbe: Es gibt diese Substanzen legal zu kaufen, weil die “Originalsubstanz”, die hier nachgeahmt werden soll, also Heroin, verboten ist. Mit anderen Worten: Sowohl Produzent*innen, als auch Konsumierende wollen nachvollziehbarerweise der Strafverfolgung entgehen. Also schlagen Produzent*innen historische Patent- und Forschungsverzeichnisse der Pharmaindustrie auf und gucken nach, was sie darin an chemischen Verbindungen finden, die von der Wirkung her passen, aber nicht verboten sind. Und die kommen dann einfach als vollständig unregulierte “Prohibitionsdrogen” zurück.
Nitazene zum Beispiel wurden in den 1950er Jahren von einer Schweizer Pharmafirma entwickelt. Aber weil man damals recht schnell festgestellt hat, dass der Dosierungsbereich, in dem die Substanzen wirksam sind, ohne toxische Effekte zu verursachen, sehr klein ist, kamen sie nie auf den Markt.
Fast Forward zu heute: Die Situation ist eine ganz andere und es gibt Bedarf. Die Taliban haben 2022 den Schlafmohnanbau in Afghanistan verboten und damit die Opium- bzw Heroinproduktion für den europäischen Markt massiv geschwächt. Die Qualität des auf dem europäischen Markt verfügbaren Heroins bricht zunehmend ein. Also sind legale Alternativen, die sich auch noch günstiger herstellen und aufgrund der höheren Konzentration des Pulvers viel leichter transportieren lassen, natürlich ziemlich attraktiv. Dass man sich damit auch ziemlich easy umbringen kann, ist egal.
Für die Konsument*innen bedeutet das nicht Gutes. Denn die Todesfälle im Zusammenhang mit synthetischen Opioiden nehmen mutmaßlich zu. “Mutmaßlich” habe ich hier ganz bewusst geschrieben. Und damit wären wir bei der zweiten Frage: Wie viele Todesfälle im Zusammenhang mit Nitazenen gibt es eigentlich in Deutschland? Auch diese Frage habe ich in den letzten Wochen ziemlich vielen Expert*innen gestellt. Und guess what? Das konnte mir einfach niemand sagen.
Denn, verstirbt eine Person in Deutschland mutmaßlich an Drogen, dann wird einfach in etwa der Hälfte der Fälle gar keine Obduktion gemacht. Und noch seltener wird ein toxikologisches Gutachten erstellt. Sondern da entscheidet dann einfach ein Polizeibeamter, oder eine Polizeibeamte vor Ort, was wohl die Todesursache sein könnte. So pi mal Daumen. Und die Staatsanwaltschaft belässt es in vielen Fällen dabei.
Das heißt also: Einerseits wird sehr wahrscheinlich eine unbekannte Zahl an Drogentodesfällen gar nicht als solche erkannt. Und andererseits sterben vermutlich auch eine ganze Reihe Menschen, die als Drogentodesfall in die “Statistik” eingehen, an etwas ganz anderem. Da darf man sich dann die dritte und vierte Frage stellen: Warum ist das so? Sind Menschen, die Drogen konsumieren, den Behörden das Geld nicht wert?
Weil ich meine, checkt ihr? Wenn man nicht mal weiß, wie viele Leute das betrifft, kann man natürlich auch keine sinnvolle Drogenpolitik machen. Denn, um zu evaluieren, ob die Maßnahmen, die man zum Schutz der Menschen ergreift, wirksam sind, müsste man wissen, ob sich an den Todeszahlen etwas verändert. Aber das interessiert offenbar gar niemanden. Sind ja “bloß” Drogentodesfälle. Und offenbar gilt da: Wir schauen einfach gar nicht so genau hin.
Du suchst Hilfe bei Drogen- oder Suchtproblemen? Ruf die bundesweite Sucht- & Drogen-Hotline an: 01806 313031 (täglich 8–24 Uhr, 0,20 €/Anruf aus Festnetz/Mobilfunk)
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Autor:in
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Marlene Halser (sie/ihr)
Marl
ene ist freie Investigativ-Reporterin und lebt in Berlin. Seit 2019 recherchiert sie regelmäßig im Bereich Drogenpolitik und Drogenforschung für Print, Audio und Bewegtbildmedien. Statt Drogenpolitik ausschließlich durch die Brille der Strafverfolgungsbehörden und Medizin zu begreifen, richtet sie den Blick auf die Lebensrealität von Konsumierenden und fragt, wie eine gesundheitsorientierte und akzeptierende Drogenpolitik abseits von Repression und Stigma aussehen kann. Ausgebildet wurde sie an der Deutschen Journalistenschule in München. Bis 2019 war sie Redakteurin bei der taz, die tageszeitung in Berlin.Foto Credits @Jannis Chavakis
