Warum wir bei der Diskussion über KI zuerst unsere eigenen Emotionen trainieren sollten.
Die Debatte über den Einsatz von KI ist von alarmistischen Emotionen geprägt, wie so oft in den Diskursen unserer Empörungsgesellschaft. Angst und Sorge werden aufgeheizt. In meinen Augen gibt es weniger Grund, sich vor der Technologie selbst zu fürchten, sondern vor uns selbst. Vor unserer Art, wie wir über die KI diskutieren, wie wir urteilen und wie wir reagieren. Immer wieder erlebe ich, dass Menschen KI ablehnen, ohne selbst praktische Erfahrung im Umgang mit ihr zu haben. Genau das ist das Problem: Sie urteilen aus Angst und Empörung und bremsen damit unter Umständen den Fortschritt, den sie sich eigentlich selbst wünschen. Wir haben es in der Hand, wie wir denken und handeln.
Ich beobachte, wie viele Menschen sich betrogen fühlen, wenn sie anstatt mit einem Menschen mit einer Maschine sprechen. Wie Lehrkräfte sich Sorgen machen, dass Schüler:innen keine eigenen Leistungen mehr erbringen und wichtige Lernprozesse ausbleiben, weil diese im Glanz der makellosen KI-Sprache umgangen werden. Wieder andere fürchten, dass unsere Kreativität verkümmert oder wir uns von der Technologie abhängig machen. Ich sehe das anders: KI ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegel. Sie zeigt uns, wie bequem wir geworden sind, wie wenig Raum wir uns zum Nachdenken nehmen, wie selten wir hinterfragen und tiefer gehen. Das Problem liegt dabei selten bei der Technologie selbst, sondern bei unserem Umgang mit ihr.
Im Umgang mit KI nehme tief verankerte gesellschaftliche Dogmen wahr: die reflexhafte Angst vor Neuem, pauschales Verurteilen und eine Empörung ohne Selbsterfahrung. Empörung ist bequem. Sie aktiviert kurzfristig das Belohnungszentrum, vermittelt ein Gefühl moralischer Überlegenheit oder sozialer Zugehörigkeit. Wer sich dagegen differenziert mit einem Thema auseinandersetzt, muss Energie investieren: zum Nachdenken, Abwägen und um andere Perspektiven zu verstehen. Genau das meiden Viele. Wer sich dogmatisch äußert, ohne die Technologie selbst zu erfahren, verstärkt Unsicherheit, Panik und Vorurteile.
Ein konkretes und krasses Beispiel unreflektierter Empörung aus meinem Umfeld sind Lehrkräfte meines Fachbereichs Kunst, die sich fragen, wie Schüler:innenarbeiten ab jetzt bewertet werden sollen, wenn wir nicht wissen, ob KI genutzt wurde. Wohl bemerkt sind der Gegenstand des Diskurses praktische Arbeiten wie Gemälde, Modellbauten oder Tonobjekte, keine Texte oder digitale Bilder. Ich muss aufpassen, dass ich beim Rollen mit den Augen nicht nach hinten umkippe. Ich möchte entgegnen, dass wir zum einen fremde Hilfen durch Geschwister oder Eltern schon lange kennen. Das angesprochene Problem ist also nicht neu. Neu hingegen ist der Realitätsverlust meiner Kolleg:innen. Vor lauter Schimpfen auf die neue Technologie wird vergessen, dass KI nur rein digitale Produkte kreieren kann und keine Acrylbilder.

Ich gewinne den Eindruck, die Empörung über KI ist so groß, dass Emotionen das klare Nachdenken benebeln und den kühlen Kopf komplett ausschalten. Wer emotional intelligent ist, erkennt diese Dynamik: Die Fähigkeit zur Differenzierung und Reflexion werden durch Angst, Feindbilder und Vorurteile blockiert. Und Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Sobald wir KI als Spiegel verstehen, können wir großen Wert aus ihr schöpfen. Sie zeigt uns, wie oft wir auf Autopilot laufen, schnelle Antworten akzeptieren und uns selbst zu wenig Raum für tiefes Nachdenken geben. Der eigentliche Mangel ist nicht die KI, sondern dass wir uns heute wenig Zeit für Denken, Austausch, Feedback, Recherche oder Beziehung nehmen. Die Technologie macht diesen Mangel sichtbar, weil sie vieles schneller, effizienter und einfacher macht. Aber auch nur dann, wenn man über Kompetenzen in der Anwendung verfügt. Wer emotional intelligent reagiert, erkennt den Spiegel, ohne reflexhaft in Ablehnung zu gehen oder in Panik zu verfallen. Der wendet sich in der neu gewonnenen Zeit dem Menschlichen zu.
In meinem Alltag fällt mir auf, dass die lauteste Kritik oft von Menschen kommt, die selbst keine Erfahrung mit KI haben. Sie zitieren Empörung, nicht Wissen. Hier mischen sich Angst, Trotz und der Wunsch nach moralischer Überlegenheit. Wer emotional intelligent ist, erkennt diese Muster, ohne sie zu reproduzieren. Wer sie reproduziert, verhindert Fortschritt und verpasst Chancen: Denn wenn wir nur das Schlimme sehen, ist das nur die halbe Wahrheit. Dann verpassen wir die Chancen und genau das schwächt uns als Gesellschaft und als einzelnen. Erst wer beides beherrscht – Kritikfähigkeit und Potentialdenken – schafft echten Fortschritt. Ich finde es wichtig, immer mehrere Perspektiven zu betrachten, weil wir uns ansonsten entweder zu sehr in den Bann von Illusionen oder in eine Negativ-Spirale ziehen lassen. Auch ich habe Sorge vor Elon Musks Idee einer selbstgesteuerten Roboter-Armee. Gleichzeitig sehe ich aktuell aber nicht, was in meinem Einflussbereich liegt, um solche potentiellen Entwicklungen zu verhindern.

KI kann Arbeit erleichtern, Prozesse beschleunigen, Fehler erkennen und Routineaufgaben übernehmen. Sie kann Forschung unterstützen, Abläufe automatisieren und Ideen spiegeln, ohne Menschen zu ersetzen. Wer sie als Dialogpartner versteht, gewinnt Zeit für das Wesentliche und Menschliche, für Kreativität, Beziehungspflege und Reflexion. Gerade in kreativen Aufgaben oder bei persönlichen Anliegen ist entscheidend, dass das KI-Ergebnis wirklich mit einem resoniert. Wer über emotionale Intelligenz verfügt, ist fähig, das zu erspüren und entsprechend zu intervenieren: das KI-Ergebnis zu hinterfragen, abzuändern, auszuschließen oder zu überprüfen.
Hinter einer dogmatischen Kritik an der KI steckt oftmals eine Sorge vor Kontrollverlust, Entmenschlichung, Vertrauensverlust und Orientierungslosigkeit. Das sind menschliche Bedürfnisse nach Menschlichkeit. Emotionale Intelligenz unterstützt dabei, in diesem Gefühl der Unsicherheit wieder festen Stand zu gewinnen. Emotionale Intelligenz bedeutet, Chancen und Risiken gleichzeitig zu sehen, ohne dabei ins Wanken zu geraten. Sie erlaubt es, Perspektiven zu wechseln, Ängste zu reflektieren und Vorurteile zu hinterfragen.
Die Folgen fehlender Emotionaler Intelligenz sind spürbar: Es sind Gespräche, die sich nur auf Risiken fokussieren, die einen erschöpfen und lähmen. Gespräche, die hingegen offen, interessiert und lösungsorientiert geführt werden, motivieren, inspirieren und geben einem Aufschwung. Der Unterschied liegt im Blickwinkel: Wir müssen uns immer von Neuem entscheiden zwischen Empörung oder Verständnis, Trotz oder Interesse, Abwehr oder konstruktiver Auseinandersetzung.
Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx bringt es auf den Punkt: „Zukunft entsteht, wenn wir die Welt aus der Perspektive des Morgen betrachten – und unser Geist die Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft verspürt.“ Das ist doch der entscheidende Unterschied: Wenn wir weder optimistisch noch pessimistisch, sondern interessiert, offen und proaktiv sind, wenn wir uns mit den Chancen und dem Machbaren auseinandersetzen, richten wir unseren Fokus auf Möglichkeiten, statt auf Probleme. Dann entwickeln wir einen 360-Grad-Blick und bringen die Energie und Motivation auf, aktiv Veränderungen zu gestalten – oder zumindest für möglich zu halten.
Wir alle tragen dazu bei, in welcher Welt wir leben – ob wir uns das vorstellen können, oder ob das unsere Vorstellungskraft übersteigt. Wir alle bewirken Veränderungen, und zwar in unserem Einflussbereich. Dazu brauchen wir Hoffnung und Visionen, nicht Resignation und Empörung. Auch wenn es bequemer ist, Feindbilder zu suchen („böse KI!“), in die Opferrolle zu gehen („Wir haben eh keine Chance.“) und uns selbst zu bemitleiden („Früher war alles besser!“).
Ich bekomme täglich in meiner Arbeit als Lehrkraft und Kommunikationstrainerin eine Idee davon, wie uns unsere Reaktionen auf die KI im Wege steht. Empörung ohne Erfahrung blockiert die Entwicklung und Chancen bleiben ungenutzt. Für mich ist KI kein Ersatz für menschliche Urteilskraft, sondern ein Prüfstein dafür, wie reflektiert wir mit Informationen umgehen. Und auch wie reflektiert wir mit Veränderung umgehen. Wer emotional intelligent reflektiert, Chancen erkennt, Risiken differenziert betrachtet und Verantwortung für die eigene Urteilsfähigkeit übernimmt, fördert den persönlichen und damit den gesellschaftlichen Fortschritt. KI kann so zu einem Werkzeug werden, das Menschlichkeit fördert.
Autor:in
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Johanna Lucić (sie/ ihr)
Johanna arbeitet als systemische Coachin, Trainerin für authentische und diplomatische Kommunikation, Alexandertechniklehrerin für Körpersprache, Fachschaftsleitung und Lehrerin am bilingualen Gymnasium, Leitung eines Schulentwicklungsteams, Erster Vorstand des Instituts zur Stärkung der Erziehungskompetenz e. V. und Obfrau & stellv. Delegierte im Bayerischen Philologenverband.In allen Rollen begleitet sie Menschen und Teams dabei, mit sich und anderen in echten Kontakt zu kommen. Durch ihre Erfahrungen aus Bildung, Führung und Verbandsarbeit vertritt sie die Überzeugung: Jede Methode und jeder Verständigungsversuch steht und fällt mit der eigenen inneren Haltung.
Für DRUCK schreibt Johanna über emotional intelligente Kommunikation. Ihre Vision ist es, das schwindende Vertrauen in die Meinungsfreiheit wieder zu stärken – durch eine diplomatische Gesprächskultur und indem sie die Meinungsvielfalt abbildet.
