KolumnenÜber Gleichzeitig.

Über Gleichzeitig.

Das Eine ist aber nicht weg, nur weil das Andere gerade da ist.

Es ist Dienstag, 22:13 Uhr. Morgen muss ich früh raus, weil mir nüchtern Blut abgenommen wird. Ich habe Angst, dass sie nichts finden, denn mir geht es schon seit fast zwei Monaten körperlich nicht gut. Wenn mich meine Psyche nicht beschränkt, dann ist es jetzt auf einmal der Körper.

Gerade eben habe ich mir noch Musik runtergeladen. Ich spiele am Freitag ein Closing in einem Club – 3:00 Uhr bis 5:00 Uhr. Ich habe Kopfschmerzen und dennoch habe in diese harte Musik reingehört.

Bis Ende der Woche muss ich diesen Text abgegeben haben.

Außerdem muss ich anfangen zu recherchieren: Es gibt schwerwiegende Vorwürfe an große DJs aus der Hard Techno Szene. Wir wollen in unserer Radiosendung darüber sprechen. Das Thema ist wichtig.

Mein Zimmer ist immer noch nicht fertig – jeden Tag versuche ich ein Stück zu erledigen. Morgen gehe ich zu einer Freundin, um meine Wäsche zu waschen, weil unsere Waschmaschine gerade nicht richtig funktioniert.

In meinem letzten Text ging es um Erschöpfung. Sie wurde nicht besser. Ich habe jetzt Semesterferien. Es ist etwas mehr Zeit, aber irgendwie merke ich nicht viel davon. Wenn ich das alles nochmal geschrieben sehe, frage ich mich, wie ich das alles schaffen soll. Ich weiß, dass ich das alles schaffen werde, vielleicht weil ich neben den Dingen, die ich schaffen muss, gerne auch noch etwas hätte, was ich gerne mache.

Da gibt es aber eben noch diese andere Seite in meinem Leben.

Die Erschöpfung. Die Anspannung. Die Nachmittage, die mich in ein sehr kaltes und sehr schlimmes Loch befördern. Dann immer wieder realisieren, dass du schon an deinem Limit bist und nicht noch mehr machen kannst. Das Schlimmste aber ist, von anderen zu hören, welche Pläne sie haben, was sie alles machen, was sie machen können. Ich höre ihnen zu und bekomme direkt ein Gefühl der Überforderung, eine Anspannung, wie als würde ich das bald selbst alles machen. „Ist das nicht zu viel?“, frage ich mich insgeheim, bis ich begreife, dass ich ja generell nicht in der Lage bin viel zu machen – wegzufahren zum Beispiel und das nicht nur, weil es für mich sehr anstrengend sein würde, sondern auch weil mein Sicherheitsgefühl so angegriffen ist, dass ich zur Heimschläferin mutiert bin.

Ich könnte ja etwas von den Dingen, die ich tue „abgeben“. Aber genauso wenig, wie ich noch etwas zusätzlich machen könnte, kann ich weniger machen. Es würde etwas in mir aus dem Gleichgewicht bringen – vielleicht ist es das Gefühl „am Leben zu sein.“

Diese Sachen finden alle gleichzeitig statt.

Mein alltägliches Leben und mein „psychisch krank“ Leben.

Sich die ganze Zeit zu fragen, wie man das alles schaffen soll und es trotzdem machen.

Aber auch: Sich isolieren wollen, weil der Selbstwert am Boden ist und trotzdem Dinge tun, die ein Selbstwertgefühl verlangen.

Das Eine ist aber nicht weg, nur weil das Andere gerade da ist.

Mein krankes Ich ist immer da, mittlerweile bemerke ich es in jeder einzelnen Situation. Ich kann es nicht mehr zu 100 Prozent beiseite schieben. Die Stimme meines Selbstwertgefühls schleicht mir sogar bei einem DJ-Gig durch den Kopf und wenn ich einen Text fertig geschrieben habe, bin ich nicht erleichtert, sondern frage mich, warum ich nicht früher fertig war (es ist jetzt übrigens mittlerweile Sonntag).

Ich bin also nicht weniger krank, nur weil ich Dinge tun kann, die gesunde Menschen auch können und das muss ich mir selbst auch immer wieder bewusst machen, denn wir leben in einer Welt, in der man „der:die perfekte Kranke“ sein muss.

Aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie sich das jetzt genau definiert, denn wenn ich alles immer trotzdem mache, dann „kann es ja nicht so schlimm sein“, aber wenn ich dann nichts mache, „tu ich nicht genug für meine Heilung“. Ausruhen ist nicht, aber Dinge, die mich stärken können eben auch nicht. Menschen finden immer einen Grund, warum ich ja eigentlich funktionieren könnte, oder es mir zu einfach mache oder mir sogar alles nur einbilde.

Dass ich ja funktioniere und zwar auf dem höchsten Level, das mir gerade möglich ist, wird nicht gesehen. Dass ich teilweise Nachmittage im Freeze mit größter Anspannung verbringe übrigens auch nicht. Auf der einen Seite funktioniere ich zu gut, auf der anderen zu wenig. Selbst wenn ich etwas gerne mache, freue ich mich immer, wenn es vorbei ist. Wenn ich nichts machen würde, würde ich es anstrengend finden, wenn ich etwas mache, finde ich es anstrengend; jeden Tag stelle ich mir die Frage, ob ich jemals wieder sowas wie Glück fühlen kann, wenn ich etwas tue was mir Spaß macht. Der Hyperfokus funktioniert noch, aber die Freude – ja die irgendwie nicht. Dieses Gefühl was man hat, wenn man etwas Anstrengendes geschafft hat und gerade deshalb glücklich und stolz ist, das habe ich nicht mehr; Erleichterung kenne ich nur noch in Form von „gut, keiner will was von mir“.

Ich bin psychisch krank, obwohl ich das alles mache, obwohl ich täglich dusche, obwohl ich aus dem Bett komme, obwohl ich hyperaktiv bin. Ich bin nicht geheilt, obwohl ich das alles machen kann. Erstens fühlt es sich nicht an, als würde ich es können und zweitens passiert ein Leben trotz Krankheit und wenn ich es schaffe es festzuhalten, wird mein Zukunfts-Ich es mir danken.

Nur scheint es nicht sein zu dürfen, dass wir eben genauso wie alle anderen Menschen einen Alltag haben, Interessen habe, mit irgendwas verbunden sind, denn wer das hat, der kann auch funktionieren. Nur wer sich als leere Hülle vorweisen kann, ist „wirklich“ psychisch krank, aber nur weil wir uns manchmal so fühlen, heißt das nicht, dass alles von uns und was uns ausmacht nicht da ist.

Psychisch krank sein ist eine Gleichzeitigkeit von Leben und Überleben – wir werden den:die perfekte Kranke:n nie vorweisen können, das ist einerseits nicht möglich und andererseits ist es gut so, denn sonst würden wir uns komplett verlieren.

Autor:in

  • Mein Name ist Joana, ich schreibe schon seit 2018 als fraumisanthropin auf Instagram darüber, wie es ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben. Immer wieder fällt mir auf, dass ich in dieser Gesellschaft auf unsichtbare Barrieren stoße, dass man mir anders begegnet als anderen, egal ob sie von meinem ADHS, oder meiner Traumafolgestörung wissen. Ich möchte in dieser Kolumne Erlebnisse und Beobachtungen teilen, die mir als Betroffene über den Weg laufen, wie gewisse Symptomatiken „von innen“ aussehen, welche Vorurteile immer noch in dieser Gesellschaft herrschen und welche gesellschaftlichen Normen insbesondere für psychisch kranke Menschen (aber nicht nur!) durchaus problematisch sind. Dafür werde ich auch immer wieder persönliche Erfahrungen als Beispiel nutzen. Bitte beachtet, dass ich keine Fachperson bin, aus einer Betroffenenperspektive schreibe und auch hinsichtlich dem Krankheits- oder Neurodivergenzerleben nur über ADHS, sowie kPtBS sprechen kann.

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