– in der Schule, einer Scheinwelt
In der Scheinwelt Schule scheint zwar nicht die Sonne, aber es scheint, als seien wissenschaftliche Erkenntnisse im Schulkontext ein Störfaktor im Getriebe eines Systems, das sich lieber im Kreis dreht, als sich grundlegend zu verändern.
Deutschland diskutiert über iPad-Klassen, Handy-Verbote und KI-Offensiven. Als hinge die Zukunft unserer Kinder an der Frage, ob das Tablet nun ab der siebten oder achten Klasse ausgegeben wird. Diese Debatten wirken entschlossen – und gehen doch am Kern vorbei. Denn das eigentliche Problem ist ein anderes. Schule vernachlässigt systematisch das, was Lernen überhaupt erst möglich macht, nämlich stabile Beziehungen und emotionale Sicherheit.

Als Lehrkraft erscheint es mir absurd, dass wir ausgerechnet dort aufholen wollen, wo wir strukturell kaum gewinnen können. Deutschland ist in Sachen Digitalisierung und künstliche Intelligenz nicht dort, wo es gern wäre. Deshalb sollten sich die Entscheidungsträger:innen fragen, ob sie ernsthaft ausgerechnet in der Schule ein Versuchsfeld eröffnen wollen.
Parallel vernachlässigt unser Bildungssystem das, was wir dringend stärken müssten, nämlich die soziale und emotionale Entwicklung. Die Studienlage ist eindeutig. Kinder lernen besser, wenn sie sich sicher fühlen. Wer Emotionen regulieren kann, bleibt leistungsfähig und gesünder. Wer Konflikte konstruktiv löst, wird resilienter. Emotionale Kompetenz ist kein pädagogisches Zusatzprogramm, sondern Grundlage von Bildung. Dänemark hat aus diesem Grund das Schulfach Empathie eingeführt. Gerade jetzt braucht Schule mehr denn je emotionale Kompetenz als Gegengewicht zu Leistungsdruck, digitaler Überforderung und wachsender gesellschaftlicher Spaltung. Und dennoch wird genau diese Kompetenz im Schulalltag marginalisiert.
Stattdessen fließen enorme Summen in eine digitale Ausstattung, während die Frage, wie Kinder mit sich selbst und anderen umgehen, als Wattebäuschchen-Pädagogik aufgefasst wird. In meinem beruflichen Umfeld erlebe ich täglich, dass es als zusätzliche Arbeitsbelastung, Zumutung oder Luxusproblem verstanden wird, der Gefühlswelt von Schüler:innen Raum zu geben. Dabei wäre genau das unsere pädagogische Pflicht: Kinder darin zu stärken, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen und mit ihnen auf gesunde Weise umzugehen.
Andere Länder handeln längst evidenzbasiert. In Dänemark wird offen darüber gesprochen, Milliarden in die Rückkehr zu analogem Unterricht zu stecken, weil man die Nebenwirkungen einer überzogenen Digitalisierung ernst nimmt. Messbare Folgen sind eine sinkende Konzentrationsfähigkeit durch Reizüberflutung, ein Verlust sozialer und kommunikativer Kompetenzen durch das Eintauchen in digitale Welten, ein Verkümmern motorischer Fähigkeiten durch die Glasoberflächen mit gravierenden Folgen für die Merkfähigkeit, eine wachsende Unsicherheit, weil Kinder sich immer weniger zutrauen, Herausforderungen meiden und kaum noch eine Frustrationstoleranz entwickeln. Gleichzeitig ist eine Verstärkung von Abhängigkeit, Suchtverhalten und Depression evident. In Island ist die Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen systematisch verankert. Dort ist es selbstverständlich, dass jede Lehrkraft in jedem Fach diese Fähigkeiten im Unterricht mitentwickelt. In Skandinavien wird nicht nur über Bildung gesprochen, sondern es werden Konsequenzen gezogen.
Und Deutschland? Investiert endlich Geld in Bildung – allerdings in Hardware. Das wirkt entschlossen, ist aber im Grundsatz eine Schein-Digitalisierung. Das Gerät allein macht ja nicht kompetent. Den meisten Lehrkräften fehlt es an Expertise und vor allem Zeit, um Ideen zu entwickeln, wie ein echter Mehrwert durch Tablets geschaffen werden könnte. Unter dem Deckmantel der Modernisierung und pädagogischen Freiheit wird die Verantwortung nach unten gereicht an Schulen, an Schulleitungen und schließlich an einzelne Lehrkräfte. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden einfach ignoriert.

Ich schreibe das nicht aus der Distanz, sondern aus dem System heraus. Als Lehrkraft erlebe ich seit Jahren, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Realität ist. Es gibt engagierte Arbeitskreise, Verbände und visionäre Kolleg:innen, die oft an den Bedingungen scheitern. Wer versucht, emotionale und soziale Förderung ernsthaft in den Unterricht zu integrieren, arbeitet permanent am Limit.
Denn die eigentliche Belastung entsteht nicht im Fachunterricht. Sie entsteht im Umgang mit den Emotionen von täglich Hunderten junger Menschen – ohne ausreichende Strukturen, Unterstützung, Rückzugsmöglichkeiten und ohne echte Entlastung. Gleichzeitig wächst die Zahl der Aufgaben: Lehrkräfte sollen unterrichten, erziehen, beraten, Konflikte lösen, verwalten, IT-Probleme lösen, digitale Konzepte entwickeln und Integration in inklusiven Klassen mit sehr unterschiedlichen Entwicklungs- und Unterstützungsbedarfen ermöglichen. In allen Fächern müssen nun gesellschaftliche Themen aufgefangen werden wie Klima, KI, Demokratie und unsere Verfassung. Welche Lehrkraft kann fachfremd spontan und fundiert über Verfassungsinhalte sprechen wozu wir in Bayern nun alle verpflichtet sind? Und selbst wenn, darüber sprechen ist das eine. Aber da gibt es noch den Beutelsbacher Konsens, der fordert, politische Themen kontrovers und ohne Beeinflussung zu behandeln, was Lehrkräfte mit der Angst zurück lässt, dienstrechtliche Konsequenzen zu riskieren. Ach ja! Und wir müssen die Inhalte natürlich so aufbereiten, dass die Schüler:innen den Stoff überhaupt kapieren – unsere eigentliche Königsdisziplin.
Diese Überfrachtung verhindert genau das, was eigentlich notwendig wäre. Und unser föderales System verteilt die Verantwortung immer weiter. Grundlegende Fragen werden von der Landesebene an Kommunen weitergereicht, von dort an Schulleitungen und schließlich an einzelne Lehrkräfte. Was als pädagogische Freiheit gedacht ist, wird in der Praxis zur Dauerbelastung für die einzelne Lehrkraft. Veränderung und Verbesserung wird so nicht ermöglicht, sondern blockiert.
Als ich mit meinem Schulentwicklungsteam ein Handyverbot an meiner Schule beantragt hatte – aus entwicklungspsychologischen Gründen, um Ganztagsschüler:innen vor permanenter Reizüberflutung und Suchtgefährdung wenigstens für acht Stunden am Tag zu schützen – waren die Reaktionen im Kollegium unerwartet scharf. Heute verstehe ich die vehementen Gegenreaktionen besser. Ein Verbot bedeutet für uns Lehrkräfte zusätzliche Kontrollarbeit, zusätzliche Konflikte und damit zusätzliche Belastung. Wieder eine Verwaltungsaufgabe mehr und obendrauf die täglichen emotionalen Schocks und der Gegenwind der Schüler:innen, womit man erst einmal umgehen können muss.
Dass viele Reformen ins Leere laufen, liegt nicht am mangelnden Engagement, sondern an der strukturellen Überforderung. Während offiziell eine Entbürokratisierung stattfinden soll, entstehen neue Aufgaben. Während Innovation angekündigt wird, fehlen die Voraussetzungen wie Zeit, Geld und Expertise für ihre sinnvolle Umsetzung.
In der Folge sind Lehrkräfte zunehmend erschöpft und scheiden aus dem Schuldienst aus. Sie geben damit ihren Beamtenstatus und die Schul“ferien“ auf. Ich finde es bemerkenswert, dass Kolleg:innen freiwillig auf diese angeblichen Privilegien verzichten, für die sie von Außenstehenden beneidet werden.
Gleichzeitig nehmen psychische Belastungen und sogar Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen zu. Angststörungen, Depressionen und Überforderung sind keine Randphänomene mehr. Und dennoch fällt es dem System schwer, darauf mit klaren Prioritäten zu reagieren.
Vielleicht fällt es schwer, weil tiefgreifende Veränderungen Zeit brauchen und politisch weniger sichtbar sind als technische Lösungen. Aber auch in dieser Hinsicht würde sich ein Blick nach Skandinavien lohnen. Auch bei vierjährigen Wahlperioden lassen sich Schulen offensichtlich erfolgreich verändern, wenn man auf wissenschaftliche Erkenntnisse hört.
Und selbst wenn ich einmal kurz durch die Brille wirtschaftsorientierter Politiker:innen blicke, müsste mir doch klar werden, dass das wertvollste „Kapital“ einer Gesellschaft Kinder und Menschen sind. Nicht digitale Geräte, KI, Rohstoffe oder Industrie. Auch wenn Kapital und Ressourcen den Menschen entwerten, gilt gleichzeitig, dass der Grundstein für eine stabile Zukunft gelegt werden könnte, wenn jetzt in Entwicklung, Beziehung und emotionale Kompetenz von Kindern investiert wird.

Die Evidenz ist klar und insbesondere die skandinavischen Länder machen es vor. Emotionale Intelligenz korreliert mit besserer Teamfähigkeit, geringerer Suchtanfälligkeit, höherer Leistungsfähigkeit, Freude an Herausforderungen und stabilerer psychischer Gesundheit. Wer gelernt hat, Misserfolge auszuhalten und Konflikte zu klären, wird nicht nur ein „netter Mensch“, sondern ein tragfähiger und selbstwirksamer Teil einer komplexen und krisenfesten Gesellschaft.
Ich erlebe jeden Tag, wie groß die Bereitschaft auch bei uns ist, Schule besser zu machen. Ich selbst habe so viel gegeben – und bewegt habe ich zu wenig. Was fehlt, ist Mut von ganz oben.
Autor:in
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Johanna Lucić (sie/ ihr)
Johanna arbeitet als systemische Coachin, Trainerin für authentische und diplomatische Kommunikation, Alexandertechniklehrerin für Körpersprache, Fachschaftsleitung und Lehrerin am bilingualen Gymnasium, Leitung eines Schulentwicklungsteams, Erster Vorstand des Instituts zur Stärkung der Erziehungskompetenz e. V. und Obfrau & stellv. Delegierte im Bayerischen Philologenverband.In allen Rollen begleitet sie Menschen und Teams dabei, mit sich und anderen in echten Kontakt zu kommen. Durch ihre Erfahrungen aus Bildung, Führung und Verbandsarbeit vertritt sie die Überzeugung: Jede Methode und jeder Verständigungsversuch steht und fällt mit der eigenen inneren Haltung.
Für DRUCK schreibt Johanna über emotional intelligente Kommunikation. Ihre Vision ist es, das schwindende Vertrauen in die Meinungsfreiheit wieder zu stärken – durch eine diplomatische Gesprächskultur und indem sie die Meinungsvielfalt abbildet.
