KolumnenErschöpfung.

Erschöpfung.

Es ist nicht die Art der Erschöpfung, mit der körperlich nichts mehr geht. Es ist die Art der Erschöpfung, die dich bremst und sich beim Überschreiten einer nicht vorhersehbaren Grenze auch körperlich bemerkbar macht. „Jetzt keinen Schritt weiter.“

1. Januar 2026, 02:33 Uhr: Ich laufe von einer sehr schönen Silvesterparty nach Hause und schicke meiner besten Freundin eine Sprachnachricht – mir ist übel, mein Kreislauf nicht stabil und ich habe Kopfschmerzen, erzähle ich ihr. Ich überlege, ob ich aus Versehen Alkohol getrunken habe, aber dann hätte ich mich doch ein wenig anders gefühlt.

Zuhause angekommen trinke ich einen halben Liter Wasser auf einmal, es geht wieder, aber seitdem geht es nicht mehr ganz weg. Seit diesem Tag habe ich immer wieder das Gefühl bald krank zu werden, aber bis auf einen undefinierbaren Infekt, den ich auskuriert habe, ist da nichts außer dieses unterschwellige Krankheitsgefühl. Da ich in den letzten Jahren regelmäßig bei meiner Hausärztin auf der Matte stehe, weiß ich, dass ich bis auf Eisenmangel, der behandelt wird, körperlich gesund bin. Die einzige Erklärung, die für diesen Zustand bleibt, ist: Erschöpfung.

Es ist nicht die Art der Erschöpfung, mit der körperlich nichts mehr geht. Es ist die Art der Erschöpfung, die dich bremst und sich beim Überschreiten einer nicht vorhersehbaren Grenze auch körperlich bemerkbar macht. „Jetzt keinen Schritt weiter.“ Und das jeden Tag. Das Problem: Ich muss sie manchmal überschreiten, mir bleibt nichts Anderes übrig.

Ich bin 31 Jahre alt und bis Anfang letzten Jahres – das musste ich auch erst begreifen – stand ich fast 12 Jahre unter emotionalen Stress, mal mehr, mal weniger, aber eine richtige Pause gab es davon nicht. Jetzt, wo dieser Stress nicht mehr existiert, fängt mein Körper auf einmal an die Reißleine zu ziehen und das, obwohl ich mir vor einem Jahr einen normalen Alltag gewünscht habe. Ich wollte Normalität, am Leben teilnehmen und im letzten Jahr habe ich mir auch einen Alltag aufgebaut. Ich wusste, dass ich von mir nicht verlangen konnte, wieder Vollzeit in mein Studium einzusteigen, vor allem da ich nebenher arbeiten muss. Von diesem Alltag, den ich mir so sehr gewünscht habe, bin ich jetzt überfordert. Ich habe das Gefühl, ich funktioniere, leihe von mir selbst Energie aus der Zukunft; ich bin immer wieder emotionslos und mittlerweile auch wieder abgeschnitten von der Normalität – obwohl ich an ihr teilnehme.

Ich weiß, dass meine derzeitige Situation wirklich schlimmer sein könnte, aber es ist auch eine Situation, die ich durchziehen muss. Ich habe es bis jetzt nicht hinbekommen mein Studium abzuschließen und eine Ausbildung habe ich auch nicht – wenn ich das jetzt nicht durchziehe, war’s das. „Ich bin schon genug psychisch krank rumgeeiert“, denke ich und vergesse, dass ich bis Anfang letzten Jahres wortwörtlich nicht wusste, wo oben und unten ist, weil sich der emotionale Stress am Schluss nochmal selbst übertroffen hat.

Meine Woche sieht für einen Menschen ohne psychische Erkrankung recht leer aus und selbst ich denke mir ständig: ich habe doch so viel Zeit. Aber Montag nach der Arbeit geht bei mir selten noch irgendwas, Dienstag überstehe ich auch noch irgendwie, am Mittwoch kann ich aufatmen, dann habe ich nur noch Uni, aber auch hier warte ich einfach nur darauf, dass die Veranstaltungen vorbei sind und ich nach Hause gehen kann. Egal wie interessant es ist.

Obwohl ich die Antwort schon weiß, frage ich mich trotzdem ständig, warum ich das nicht mal ein Jahr durchgehalten habe, beziehungsweise, warum ich das nicht mal ein Jahr durchhalte, ohne den Gedanken zu haben, dass ich alles bald hinschmeißen muss, weil ich nicht mehr kann. Das wird begleitet von einer Angst, die sich seit ein paar Wochen intensiviert: Was wäre, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn ich es nicht hinbekomme mir endlich ein Fundament aufzubauen, das die ein oder andere Krise aushält? Was, wenn ich wirklich nicht gut genug bin?

Ich habe mittlerweile fast meine gesamte Freizeit eingestampft, womit mir regelmäßige soziale Kontakte wegfallen, gehe nur noch zur Klausurvorbereitung in die Uni, eine Arbeitsentlastung durch 100% Home Office wurde mir abgesagt: ihr seht, wo die Prioritäten liegen. Wo sie liegen müssen. Wenn ich nur anhand meiner eigenen Erwartungen entscheiden müsste – und die sind schon zu hoch – sähe das etwas anders aus. Die Erwartungen der anderen, dieses Systems, das sind die entscheidenden – wenn ich diese Erwartungen nicht erfülle, stehe ich ganz schnell woanders.

Es wird immer gesagt, dass man an sich selbst die höchsten Erwartungen stellt, aber die Erwartungen, die du erfüllen musst, um deine eigene Existenz zu sichern, die kommen von außen. Das Paradoxe: Sie werden höher, je weniger Kraft du hast, sie zu erfüllen. Es wird nicht erwartet, weil man alles hinbekommt, es wird erwartet, weil man es doch endlich mal hinbekommen soll. Man steht immer wieder vor der Situation, dass gerade gar nichts geht, aber alle fordern, denn: wenn gar nichts geht, macht sich das auf kurz oder lang bemerkbar. Es wird mehr über die Schulter geschaut, man wird weniger in Ruhe gelassen. Die Extremform davon sieht man, wenn Menschen auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen sind.

Wenn es nach meinen eigenen Erwartungen ginge, würde ich mich erstmal ausruhen, meine Therapie und mein Studium in den Fokus stellen. Ich würde für meine Erholung sorgen und meine Energie für mein Studium nutzen. Die Realität sieht leider anders aus und es wirkt wie, als hätte ich keinen Ausweg: Wenn ich nicht mehr arbeite, habe ich finanziellen Stress, jetzt gerade habe ich psychischen Stress, der sich körperlich bemerkbar macht. Stress wo man nur hinsieht – und gerade fühlt es sich so an, als würde das alles nie mehr aufhören. Und trotz allem werde ich hier weiter meine Texte schreiben – denn es ist wichtig, über das alles zu sprechen.

Autor:in

  • Mein Name ist Joana, ich schreibe schon seit 2018 als fraumisanthropin auf Instagram darüber, wie es ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben. Immer wieder fällt mir auf, dass ich in dieser Gesellschaft auf unsichtbare Barrieren stoße, dass man mir anders begegnet als anderen, egal ob sie von meinem ADHS, oder meiner Traumafolgestörung wissen. Ich möchte in dieser Kolumne Erlebnisse und Beobachtungen teilen, die mir als Betroffene über den Weg laufen, wie gewisse Symptomatiken „von innen“ aussehen, welche Vorurteile immer noch in dieser Gesellschaft herrschen und welche gesellschaftlichen Normen insbesondere für psychisch kranke Menschen (aber nicht nur!) durchaus problematisch sind. Dafür werde ich auch immer wieder persönliche Erfahrungen als Beispiel nutzen. Bitte beachtet, dass ich keine Fachperson bin, aus einer Betroffenenperspektive schreibe und auch hinsichtlich dem Krankheits- oder Neurodivergenzerleben nur über ADHS, sowie kPtBS sprechen kann.

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