In Deutschland schreibt man sich Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung auf die Fahne. Bei diesen Begriffen denke ich zuerst an Geschichtsunterricht und an Staatsräson. An Reden einmal im Jahr von Politiker*innen, die sich groß inszenieren, während sie den Rest des Jahres grauenhafte Politik für die ehemaligen Opfergruppen des Holocausts machen. Wo ist das Gedenken und die Reparationen beispielsweise für Sinti*zze und Rom*nja, die in unseren Städten immer weiter an den Rand gedrängt werden?
Ich denke aber auch an Stolpersteine. Die sind ein ziemlich cooles Beispiel, wie Gedenken im Gegensatz alltäglich, lokal und von unten aussehen kann:
Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt und erinnern an das Schicksal der Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer. Von 1992-2023 wurden allein 100.000 Stolpersteine in 32 Ländern verlegt. All das begann als Kunstprojekt und Gedenkaktion Gunter Demnigs: zum 50. Jahrestag der Deportation von 1000 Sinti*zze und Rom*nja aus Köln ins Messelager. [Q1]
Aber erstmal zurück: Wie kam es zu dem Bild von Deutschland als Meister des Gedenkens?
Bis zu den 80ern war von Erinnerung, geschweige denn Reue kaum etwas zu sehen.
Viele Täter der NS-Zeit behielten wichtige Ämter und Positionen. In Ost und West entstanden entlastende Narrative, die es erlaubten die Verantwortung von sich zu schieben. Im Osten sagte man, dass der Nationalsozialismus die Herrschaft der aggressivsten Kreise des Monopolkapitals sei, und diese seien ja bekanntlich alle in den Westen gegangen. Im Westen hingegen herrschte das Narrativ, dass NS-Verbrechen eigentlich nur durch eine kleine besonders brutale Gruppe ausgeführt wurden. Quasi: Hitler war schuld, alle anderen seien Opfer des Befehlsnotstandes gewesen. Doch wie der Historiker Christopher Browning nachweisen konnte, gab es Möglichkeiten sich den Massenmorden ohne Lebensgefahr zu entziehen. Der Befehlsnotstand war mehr Mythos als Realität. [Q2]
Gedenken ist also keine Selbstverständlichkeit. Nach dieser langen Phase der Verantwortungsverweigerung entstand in den 80er Jahren die „Neue Geschichtsbewegung“, die für einen Umbruch der Erinnerung kämpfte. Nach dem Motto „Grabe, wo du stehst“ erforschten Geschichtswerkstätten die Geschichte „von unten“ und die Gedenkstättenbewegung konfrontierte die westdeutsche Gesellschaft mit den Nazi-Verbrechen ihrer Elterngeneration.
Beispielsweise wurden auf das Gelände des ehemaligen KZs Neuengamme erst mal zwei Knäste gebaut. Erst nach jahrzehntelangem Einsatz von KZ-Überlebenden und Unterstützer*innen, die sich für eine würdiges Gedenken einsetzten, entstand eine Gedenkstätte. Auch ich habe in der Schulzeit eine KZ-Gedenkstätte besucht und wusste nicht, dass diese oft erst erkämpft werden mussten.[Q3]
Im Artikel ‚Bad memory‘ von jewish currents wird beschrieben, wie Aktivist*innen erkämpften, was später (aber erst nach der Wiedervereinigung) offizielle Staatspolitik wurde:
„Auf Konfrontationskurs mit einer unwilligen konservativen Regierung führten diese Aktivist*innen teils dramatische öffentliche Aktionen durch, wie die Besetzung von ehemaligen KZs oder symbolischen “Ausgrabungen” auf dem Gelände einer ehemaligen Gestapo-Zentrale. Sie sollten so zu Orten öffentlicher Bildung werden.“
Dieser plötzliche Sinneswandel deutscher Erinnerungspolitik hatte also einen Nutzen: Nämlich nach der Wiedervereinigung so viel Reue über die NS-Zeit zu beweisen, dass sie im Wettbewerb mit anderen westeuropäischen Ländern wirtschaftlich und weltpolitisch wieder mitspielen können. Aus dieser Zeit kommt auch das Wort der ‚Vergangenheitsbewältigung‘: „Um seine Abbitte zu untermauern, verkündete das Land eine “jüdische Renaissance”, vor allem durch Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Zuführung dieser Jüdinnen*Juden wurde, in den Worten von Hannah Tzuberi, “der wertvollste Garantiebeleg für den demokratischen, liberalen und toleranten Charakter Deutschlands.“ [Q4]
Natürlich ist jeder Schritt für Bewegungsfreiheit und Reparation ein guter Schritt! Doch die Erinnerungen dieser Jüd*innen sind oftmals nicht Teil der gängigen Geschichtserzählung: In der sie zu oft nur als Opfer dargestellt und jüdischer, sowie kommunistischer Widerstand vernachlässigt wird.
Dabei wären diese widerständigen Geschichten wichtig um aus der Geschichte zu lernen!
Es stellt sich die Frage, wieso wird eigentlich erinnert? Um zu beweisen, dass man wieder vertrauenswürdig genug ist um zu wirtschaften?
Oder um wirklich aus der Geschichte zu lernen und wie sie nur durch Komplizenschaft einer ganzen Bevölkerung funktionieren konnte?
Integration in die deutsche Erinnerungskultur:
Doch Erinnern um zu lernen, wie es so weit komme kann, scheint unerwünscht:
Anthropologin Esra Özyürek untersuchte die verschiedenen deutschen Bildungsinitiativen zum Holocaust, für arabische und muslimische Communities – Integrationskurse, wenn man so will.
„In diesen Bildungsinitiativen ziehen die Teilnehmenden oft Verbindungen, die ihre Lehrer*innen nicht intendiert hatten – etwa zu nationalistischer Gewalt im heutigen Deutschland, oder zur Gewalt, vor der sie geflohen sind, in Syrien, Türkei und Palästina. Diese Ängste der Migrantin*innen, die durch diese historischen Begegnungen ausgelöst werden, sind für viele Deutsche ‚die falschen Gefühle‘. […] Um wirklich deutsch zu sein, müssen sie die Rolle reumütiger Täter spielen und sich nicht wie potentielle Opfer fühlen.“ [Q4]
Erinnerungskultur scheint außerdem nicht für alle dunklen Zeiten der Geschichte zu gelten. Zum Beispiel ist der Völkermord an den Herero und Nama viel weniger im Fokus, wenn es um Erinnerung geht. Immerhin: ich habe in der Schule über Herero und Nama gelernt! Trotzdem hat Deutschland über 100 Jahre gebraucht um sich offiziell für den Völkermord, den die deutsche Kolonialarmee zwischen 1904 und 1908 in Namibia an den Herero und Nama verübte zu entschuldigen. Und das erst 2021- dabei erklärte es sich nicht einmal bereit den Nachkommen der Opfer nennenswerte Reparationen zu zahlen. [Q5]
Und auch im Holocaust werden manche der vielen Opfergruppen ausgeblendet, vergessen oder zumindest vernachlässigt:
Was viele nicht wissen: KZs gab es schon seit 1933. Eingesperrt wurden zuerst diejenigen, von denen die neu an die Macht gebrachten Nationalsozialisten annahmen, dass die größte Gefahr für ihre Herrschaft darstellten. Vor allem: Kommunist*innen, aber auch Sozialdemokrat*innen und bürgerliche Gegner der Nazis, wie bürgerliche Gewerkschaften. Die meisten früheren Lager wurden 1934 aufgelöst, als sich herausgestellt hatte, dass nennenswerter Widerstand nicht mehr zu erwarten ist. Entweder weil potentielle Widerständler emigriert waren, sie in Zuchthäusern saßen oder weil sie zu eingeschüchtert waren. Ab 1935/36 gingen die Nazis von der „Gegnerbekämpfung“ dazu über all diejenigen zu inhaftieren, die nicht in die NS-Gesellschaft zu passen schienen: „Asoziale“, „Berufsverbrecher“, „Homosexuelle“ nachdem sie zuerst die Gesetzeslage verschärften, aber auch Kranke und Behinderte, dann Sinti*zze und Rom*nja und Jüd*innen. [Q2]
Deutschlands andauernde Komplizenschaft:
Außerdem finde ich es auch einfach frech zu behaupten, man würde als Staat seine Vergangenheit bewältigen und aus dem Holocaust gelernt haben, wenn man wieder einen laufenden Völkermord ideologisch unterstützt und Waffen liefert. Von Friedrich Merz, der eine Scheinwaffenruhe einführt in dem er bloß „neue Aufträge prüft“ statt Lieferungen nachhaltig zu stoppen und nach ein paar Monaten auch das verwirft. Oder Annalena Baerbock, die Angriffe auf zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser rechtfertigt, und sich dann irgendwie nicht mehr an diese Aussage erinnern will.
Neben der Regierung gibt es auch einige Unternehmen, die sich nicht nur nicht an ihre dunkle Vergangenheit erinnern zu scheinen, sie produzieren weiterhin für und profitieren von Krieg und Genozid. Damals profitierten Unternehmen wie ThyssenKrupp, Siemens oder VW von Zwangsarbeit oder Enteignung. Heute verdienen sie immer noch oder wieder von Geschäft mit Krieg und teilweise Genozid. Jetzt wo wieder aufgerüstet wird, diskutiert man, ob das VW-Werk in Osnabrück nach der Schließung der Autoproduktion auf Rüstungskomponenten für das Iron-Dome-System umgestellt werden soll. Auch Elbitsystems Deutschland, die heute Drohnen produzieren, die im Genozid in Gaza zum Einsatz kommen, hat eine dunkle NS- Vorgeschichte. Nach einigen Umbenennungen und Eingleiderungen entstand Elbit systems ursprünglich aus ‚Telefunken‘: Ein Gemeinschaftsprojekt von AEG und Siemens, die eng in die deutsche Kriegs- und Rüstungstechnik eingebunden waren.
Deutsche Erinnerungskultur ist zu oft selektiv scheinheilig und eigennützig. Aber es gibt auch eine andere Seite des Gedenkens: ein lokales, alltägliches und widerständiges Gedenken -von links und von unten- das ich nicht außer acht lassen will.
Das erste was mir da einfällt ist die nach Hanau genutzte Parole: Erinnern heißt verändern. Ein Gedenken, das an Anschläge und Opfer erinnert, damit das selbe niemanden wieder passieren muss.
Ich denke da an die Ausstellung „Migrantischer Widerstand im Hamburg der 1990er Jahre“, die durch Gürsel Yıldırım durch ganz Deutschland wandert.
Ich denke an Melina Borčak, ohne die ich nicht mal vom Genozid an den Bosniak*innen erfahren hätte. An Alena Jabarine, die an alltägliche Geschichten der Unterdrückung erinnert.
An das Erinnern in der kurdischen Bewegung. Ich denke an ‚(k)eine Erinnerungskultur‘, und an ‚Geschichte der kommenden Welten‘. An death in custody, an das Gedenken an Oury Jalloh – an das Erinnern all der rassistischen Polizeimorde. Auch an die Möllner Briefe, das Gedenken an Solingen und Rostock. Ich denke an das gemeinsame Trauern und das Erinnern an Sulti.
Soll heißen: Ich will Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung nicht dem Staat überlassen, das würde die Erinnerungsarbeit vieler Menschen unsichtbar machen, die sich der Staat später angeeignet hat. Trotzdem gibt es eine lebendige Kultur des Erinnerns und Gedenkens, die ich schätze und die wir brauchen: Denn erinnern heißt verändern!
Quellen:
Q1: Stolpersteine: https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine
Q2: Über die Geschichte der Konzentrationslager, Interview Marcant: https://youtu.be/cj3_gPxifPk?si=BdLt6lAvw_gZZeWf
Q3: GKW37 Vom KZ zum Knast zur Gedenkstätte (mit Susi von @keine.erinnerungskultur): https://www.buzzsprout.com/2322194/episodes/16907076
Q4: bad memory von jewishcurrents: https://jewishcurrents.org/bad-memory-2
Q5: Anerkennung des Völkermords an Herrero und Nama: https://www.deutschlandfunk.de/versoehnungsabkommen-mit-namibia-deutschland-erkennt-100.html
Weitere Quellen/ Menschen/ Initiativen
Initiative 19. Februar: https://19feb-hanau.org/
„Migrantischer Widerstand im Hamburg der 1990er Jahre“ die durch Gürsel Yıldırım: https://www.ulb.tu-darmstadt.de/die_bibliothek/aktuelles/ausstellungen/ausstellungen_details_83328.de.jsp
@Melina Borčak: https://melinaborcak.com/de/uber-mich/
@Alena Jabarine https://www.instagram.com/alenajabarine
@(k)eine Erinnerungskultur: https://www.instagram.com/keine.erinnerungskultur
death in custody: https://deathincustody.noblogs.org/
Oury Jalloh: https://www.ouryjallohcommission.com/work
Die Möllner Briefe: https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/deutschland-rassismus-rechtsextremismus-anschlag-moelln-1992-film-die-moellner-briefe-interview-martina-priessner-erinnern-ist-mehr-als-gedenken
Autor:in
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Alex (sie/ihr)

Ich bin Alex (Sie/Ihr) und durch die Klimagerechtigkeitsbewegung politisiert und in Lützerath radikalisiert. Im Moment studiere ich soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Migration und Flucht und arbeite als Assistenz für eine be_hinderte Freundin. In den letzten Jahren habe ich politisch – neben Klimagerechtigkeit – vor allem zu Anti-Militarismus und Palästina-Solidarität gearbeitet. Gerade interessiere ich mich für Care-Arbeit und Abolitionismus. Ich werde in meiner Kolumne darüber schreiben, was mich in unseren Bewegungen beschäftigt. Von guten Nachrichten und Errungenschaften bis zu Kritik an unseren Bubbles wird alles dabei sein. Ganz nach dem Motto: Wie können wir uns umeinander kümmern, um für ein gutes Leben für Alle zu Kämpfen?
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