Montagmorgen, 06:15 – mein erster Wecker reißt mich aus dem Schlaf.
Montagmorgen, 06:30 – der vierte Wecker klingelt, ich quäle mich aus meinem warmen Bett hinaus.
Montagmorgen, 06:35 – ich renne auf die Tram.
Diese ersten 20 Minuten meines Tages dürften vielen Leser:innen bekannt sein. Sie wirken ganz normal. Ungeachtet der Tatsache, dass unser Körper von alleine erwacht, sobald er zur Genüge ruhen konnte, ist das kleine Gerät, das uns jeden Morgen aus dem Schlafe prügelt, in dieser besten aller Welten ganz normal. Aber warum eigentlich?
In Talkshows, Bildungseinrichtungen, beim Familienessen, kurz gesagt in den Sümpfen der Reaktion, wird uns wieder und wieder erzählt, dass der Kapitalismus der Natur des Menschen entspricht. Der Mensch sei nun mal eine widerwärtige, triebgesteuerte Gestalt, die gar nicht anders kann, als sich in der permanenten Konkurrenz zu seinen Mitmenschen wiederzufinden. Wenn wir uns in der Welt umschauen, dann ist diese Diagnose nachvollziehbar, ja sogar verständlich. Wenn Bomben auf Kinder regnen, Faschisten eine Wahl nach der anderen gewinnen und der einfache Pöbel sich ermächtigt, indem er nach unten statt nach oben tritt, fällt es auch mir schwer, an das Solidarische im Menschen zu glauben. Vielleicht sind wir Menschen von Natur tatsächlich einfach egoistisch und böse?
Wer zu einem solchen Schluss kommt, muss nicht nur jegliche emanzipatorischen und progressiven Projekte vergessen, sondern liegt auch schlichtweg falsch. Der Mensch wird durch seine Umstände geformt – und es dürfte wohl niemanden überraschen, dass diese unmenschliche Gesellschaft auch relativ widerliche Subjekte hervorbringt. Dies ist auch jenen bewusst, die das beschriebene Menschenbild in die Welt gesetzt haben; es handelt sich dabei um ein Stück kapitalistischer Ideologie. Der Kapitalismus ist nämlich weit mehr als ein Wirtschaftssystem. Er bildet eine Gesellschaftsordnung, deren Grundlage zwar in den ökonomischen Klassendifferenzen zu finden ist, sich aber bei weitem nicht auf diese beschränkt.
Die Machterhaltung des Kapitals basiert in den imperialistischen Kernstaaten nicht primär auf Gewalt in Form von Schlagstöcken, ökonomischer Unterdrückung und dem Zwang, seine Arbeitskraft zu verkaufen, sondern in der Ideologie. Ideologie sollten wir dabei nicht als einen Ausnahmezustand, der die Wahrnehmung der “objektiven” Realität verändert, verstehen – ideologische Beeinträchtigung ist der Normalzustand von uns allen. Wir finden die Ideologie der Kapitalist:innen etwa in den Schulen, die mit Bewertungssystemen zwangsläufig zu gegenseitiger Konkurrenz und Leistungsdruck führen, oder auch in Konzepten wie Geld oder Privateigentum, welche ohne unseren kollektiven Glauben daran gar nicht existieren könnten. Doch nicht nur an solch offensichtlichen Orten versteckt sich kapitalistische Ideologie; sie formt auch unsere romantischen und freundschaftlichen Beziehungen, unsere Selbstwahrnehmung und selbst banale Dinge wie einen Wecker.
Etwas völlig Unscheinbares, eben etwas Normales.
Und genau so funktioniert kapitalistische Ideologie; wir sehen sie nicht primär an Paraden, im Parlament oder in Büchern, sondern jeden Morgen, wenn wir erwachen. Und zwar in ganz normalen Gegenständen, Institutionen und Vorgängen – sie sind normal, weil die Umstände sie zur Normalität machen. Eine Normalität, die so tief in unserer Psyche eingeflochten ist, dass wir uns kaum eine Realität jenseits davon vorstellen können. Oder in den Worten des amerikanischen Marxisten Fredric Jameson: „It seems to be easier for us today to imagine the thoroughgoing deterioration of the earth and of nature than the breakdown of late capitalism.“ Es ist für uns einfacher, uns das Ende der Welt vorzustellen, als eine Überwindung der kapitalistischen Ordnung; es ist als würde der Kapitalismus nach dem Armageddon einfach irgendwie weiterexistieren.
Als wäre es nicht bitter genug, dass wir gegen einen Unterdrückungsapparat kämpfen, welcher uns in allen materiellen Belangen haushoch überlegen ist, verfügt dieser auch noch über eine ideologische Übermacht, welche uns nicht einmal die Vorstellung einer Welt jenseits seiner Barbarei gewährt. Es ist zweifelsohne naiv zu denken, dass wir diesen Kampf gewinnen können. Aber bleibt uns wirklich eine Wahl?
Autor:in
-
Noctua Rosa Moser (-)
Mein Name ist Noctua, ich benutze keine Pronomen und ich lebe in Zürich – meine Mitmenschen beschreiben mich als müde, unsozial, aber dennoch liebenswert. Ich würde ein anderes Wort wählen: Elend. Wann immer ich spreche, verkriecht sich die Lebensfreude in einen dunklen Winkel, an den meisten Tagen fühle ich mich wie eine Fliege, zertrümmert zwischen Küchenfenster und Hand, noch nicht ganz tot, doch auch nicht lebendig.Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der Kultur eine Ware, Liebe eine Dienstleistung und das Leben einzig ein Mittel zur Profitmaximierung ist; eine Welt, in der wir der kapitalistischen Ideologie unterworfen sind. In dieser Kolumne werden wir das unvollständige Leiden, den unstillbaren Durst und das unendliche Geschrei, welche diese Ideologie mit sich bringt, behandeln. Text für Text und Monat um Monat werden wir gemeinsam leiden, trinken und schreien – wenn schon nicht aus Hoffnung, dann wenigstens aus Trotz.
